Sie sind anders

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Sie kümmern sich um andere, spontan, ohne Erwartung, sind höflich und hilfsbereit - so wie wir es uns von anderen wohl alle wünschen.

Wegen der vielen Bilder im Kopf, aber ohne eigene Erfahrungen, war ich mit gemischten Gefühlen vor etlichen Jahren das erste Mal in die Türkei gereist, um weit weg von den Touristenzentren einige Wochen am Meer zu verbringen.

Doch vom 1. Tag an habe ich viele positive Eindrücke gesammelt, zu viele für 2500 Zeichen. Weder am Strand, noch im Bus oder in den Städten wurde ich belästigt, wenn ich allein unterwegs war. Männer halten Abstand, auch von Ausländerinnen; wobei es mir ein Rätsel ist, warum sie mich als Ausländerin erkennen, da die meisten Frauen hier kein Kopftuch tragen. Am Strand ist es ruhig, ohne aufdringliche Strandverkäufer, die muss man für einen Imbiss herbeiwinken.

Sprachlich ist es etwas schwierig, aber es finden sich immer wieder hilfsbereite Leute. An der Westküste leben viele ehemalige Gastarbeiter, die noch immer gut Deutsch sprechen und sich zu meiner großen Überraschung sehr freuen, wenn sie jemandem aus Deutschland oder Österreich behilflich sein können. Als ich etwa die Kassiererin an der Supermarktkasse nicht verstehe, schaltet sich die Dame hinter mir ein, erklärt mir alles in perfektem Hochdeutsch und reicht der Kassiererin ihre Kundenkarte, damit ich 25% Rabatt auf den Sonnenschirm erhalte. Ich bin baff. Während wir uns danach angeregt unterhalten, schreibt sie mir ihre Telefonnummer auf und bietet mir an mich jederzeit bei ihr zu melden, wenn ich Hilfe brauche.

Weil es auf der Post keine Telefonzelle gibt, drückt mir der Beamte sein eigenes Handy in die Hand – kaum zu glauben. Besonders hat mich aber die Begegnung mit einem ‘rettenden Engel‘ berührt als ich einmal von der Stadt kommend zu Fuß auf einer schmalen, kurvigen Straße unterwegs war, die riesige Olivenhaine säumen und wo es nur vereinzelt Sommerhäusern gibt.

Eine junge Frau war mir in einem SUV entgegengekommen; nachdem sie an mir vorüber war, hatte ich sie anhalten und rufen gehört. Ich dachte, dass sie jemanden aus einem der Häuser meinte. Sie rief und rief und wurde immer lauter bis ich mich umdrehte und sie gestikulierend auf mich zukommen sah. Sie wollte mir unbedingt etwas sagen, aber ich verstand sie nicht und sie mich nicht; offenbar wollte sie mich vor etwas warnen, das auf meinem Weg lag. Wie meine persönliche Beschützerin begleitete sie mich. Wir gingen ganz langsam und ich überlegte, was da wohl wäre. Plötzlich war es zu sehen. Eine Schlange befand sich auf der Straße. Wie wir jetzt beide erkennen konnten, war sie aber schon tot. Mein Engel gab Entwarnung und verabschiedete sich von mir und ich konnte kaum fassen, dass sich da eine Wildfremde so um mich gesorgt und bemüht hatte.

Immer wieder begegne ich hier einer berührenden Menschlichkeit wie ich sie von Zuhause kaum kenne. Ich frage mich, ob es daran liegt, dass wir herzlos geworden sind, oder übervorsichtig, oder über-zurückhaltend?

© Doro