Vergänglichkeit

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Ich bin erschüttert. Kaum, dass ich hier am Meer angekommen bin, wo für gewöhnlich sofort der Ballast von mir abfällt und mein Herz höher schlägt, begegne ich der Vergänglichkeit. Am Weg zum Strand treffe ich A., den ich erst erkenne als er nahe genug ist. Aber er ist nicht mehr der, von dem ich mich vor nicht einmal 8 Monaten verabschiedet habe. Rein äußerlich ist er gealtert, um 15 kg leichter und grau geworden. Sein Gesicht erhellt sich als er mich sieht. Ich freue mich eigentlich auch, denn A. ist einer jener liebenswürdigen, offenen und toleranten Menschen, die hier zu meinen Freunden zählen. Doch seine Erscheinung beunruhigt mich. Die Begrüßung ist herzlich wie immer, aber sonst ist es eben nichts mehr wie immer.

Zuletzt hatten wir im Herbst zum Abschied unser 'Oktoberfest‘ gefeiert, mit all den Sachen, die sie sich gewünscht und ich mitgebracht hatte. Wir waren auf ihrer Terrasse gesessen, hatten geschmaust und geblödelt und gedacht, dass wir uns im Frühsommer wie immer wiedersehen würden. Doch kurz nach ihrer Rückkehr nach Istanbul hatte seine Frau die niederschmetternde Diagnose Lungenkrebs erhalten. Es folgten Operation, unzählige Chemotherapien und Bestrahlungen, Angst, Schmerz, Verzweiflung und ein langes Hoffen und Bangen.

Nun scheint das Ärgste überstanden. Sie sind wieder da. Es ist wunderschön und mild; die Luft angenehm und die Anlage noch fast leer. A. meint, dass sich J. über einen Besuch freuen würde. Ich bin verunsichert, was mich dabei erwartet. J. ist zwar nur noch ein Schatten ihrer selbst, blass und gezeichnet, aber guter Hoffnung, dass sie wieder gesund ist und ihr der in 2 Monaten angesetzte Kontrolltermin darüber Gewissheit geben wird. Sie ist schwach und wackelig auf den Beinen, aber überglücklich hier zu sein, in unserem kleinen Paradies, wo die Luft so gut ist, die Energie so heilsam, die Sonne noch so angenehm und das Wasser so klar und rein. Wir sitzen lange zusammen; ihre Pflegehilfe, eine Usbekin bringt uns Tee und Türkischen Kaffee und wir reden wie immer über alles. J. ist froh, dass sie zu den 10% der mit Chemo Therapierten gehört, die ihr Haar nicht verlieren, dass sie eine 2. Chance bekommen hat und jetzt noch mehr als vorher zu schätzen weiß, was sie an allem hat, ihrem Mann, der ihr so verlässlich zur Seite gestanden ist, ihrer Familie und der Möglichkeit hier zu sein, einen weiteren Sommer im kleinen Paradies, wo das Leben einfach ist, aber das Wesentliche zählt, der Kopf wieder frei wird und das Herz weit.

Schlagartig ist auch mir wieder bewusst, wie vergänglich alles ist und wie kostbar jeder einzelne Moment. Nichts ist selbstverständlich. Beinahe hätte ich einen mir nahestehenden Mensch urplötzlich und völlig unerwartet für immer verloren. Nein, ich darf mich nun wirklich nicht mehr mit Nebensächlichkeiten verzetteln, die mir meine kostbare Zeit rauben und mir die Lebensfreude vergällen. Ich will endlich jeden Tag wie ein Geschenk feiern, so als könnte er mein letzter sein.

© Doro