Vom Leben und Sterben

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Leben als Tote, lebendig leben oder als Lebende sterben, so viel ist möglich. Da gibt es die, die wie tot durchs Leben gehen, die, die durch einen ‘Schicksalsschlag‘ aufgerüttelt zu neuem Leben erweckt werden, die, die erkennen, dass Leben mehr bedeutet als ein Abspulen der Zeit zwischen Geburt und Tod, dass sie mit einem Plan auf die Welt gekommen sind … Da sind die, die sich leicht aus dem Leben verabschieden und solche, die sich sträuben und ans zu Ende gehende Dasein klammern, auch wenn es ein freudloses ist, weil die Angst vor dem Tod und dem Danach übermächtig ist.

Ich habe Menschen tot leben und lebendig sterben sehen und auch so manches ‘Wunder‘ erlebt bei Menschen, die schon totgesagt waren. Im Leben und beim Sterben scheint nichts unmöglich.

Besonders berührt hat mich die starke Verbindung zwischen sich nahestehenden Menschen, wenn sie gehen. Nachdem mein Vater lange auf der Intensiv - und Normalstation gelegen war und ich ihn täglich besucht hatte, wollte ich an einem Wochenende einmal eine Pause einlegen. Es war schön, wir grillten und verbrachten endlich wieder ein nettes Familienwochenende. Doch urplötzlich spürte ich, dass ich noch ins Krankenhaus müsste.

Zum Unverständnis der anderen brach ich überstürzt auf und fand meinen Vater schlafend vor. Ich saß bei ihm, streichelte seine Hand und redete wie gewöhnlich mit ihm. Ich verließ ihn schließlich ohne dass er aufgewacht war. Wieder zu Hause kam der Anruf der Klinik, dass er verstorben war, gleich nachdem ich das Zimmer verlassen hatte.

Meine Mutter war im hohen Alter mit einem Darmverschluss ins Spital eingeliefert worden. Die Ärzte teilten mir nach der OP mit, dass sie festgestellt hatten, dass wegen des Ausmaßes nichts mehr zu machen war und es nun nur noch eine Frage von ein paar Tagen sei, bis sie sterben würde. Es ging ihr schlecht, sie lag mehr tot als lebend in ihrem Bett als sie nach einigen Tagen, aus heiterem Himmel zu neuem Leben erwachte, sich langsam erholte, wieder zu Essen begann und schließlich das Krankenhaus verlassen konnte, um noch 2 Jahre zu leben.

Es wurde uns noch Zeit geschenkt, um unser Verhältnis zu einem schönen, versöhnten Ende zu bringen. Auch bei meiner Mutter verspürte ich, als sie zum Sterben bereit war, wieder diesen starken, speziellen Ruf ohne aber gleich darauf zu reagieren, hatte ich sie doch gerade erst besucht.

Als sie schon mehr im Jenseits als im Diesseits war, verbrachte ich viele Stunden bei ihr und sie schien nichts mehr mitzubekommen. Weil sich an diesem Zustand lange nichts änderte, verließ ich sie kurz, um meine Kinder mit Essen zu versorgen, aber auch da war ich kaum weg, als sie endgültig ging. Unsere Seele scheint ganz genau zu wissen, wann der Zeitpunkt gekommen ist, um den Planeten zu verlassen, ja diesen vielleicht sogar selbst bestimmt?

So traurig und schmerzlich diese Abschiede von meinen Eltern waren, so beglückend und tröstlich war aber dieser starke Ruf nach mir, in ihrer Stunde des Todes, für unser letztes Adieu.

© Doro