Von dem was wir wissen können...

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Von dem was wir wissen können... | story.one

Mich wundert oft mit welcher Vehemenz und manchmal auch Schamlosigkeit mancherorts die einzige und alleinige Wahrheit postuliert wird. Menschen, die sich an sich nichts zu Schulden kommen haben lassen, werden quer durch alle Medien hindurch beleidigt, verunglimpft und verbal verprügelt. Erhaltene Preise und Auszeichnungen werden mirnix dirnix in Abrede gestellt und es wird angefeindet was das Zeug hält.

Einstein soll einmal zu Werner Heisenberg gesagt haben, dass erst die Theorie darüber entscheidet was man beobachten kann. Wie weit Wahrheiten auseinander liegen können durfte ich persönlich erfahren.

In Linz wurde ich Zeuge eines Polizeieinsatzes. Ein junger Mann, verfolgt von einem Polizisten, kam laufenden Schrittes auf mich zu. Mehrmals wurde er vom Polizisten aufgefordert stehen zu bleiben. Kurz vor mir bekam der Polizist den Mann zu fassen, dieser fiel zu Boden und wehrte sich mit all seiner Kraft. Er schrie sehr laut und in Windeseile hatte sich eine Traube von Passanten versammelt, die ihrerseits die Polizisten lautstark beschimpften.

Ich war fassungslos über das Verhalten der Passanten. Die Polizisten kamen einer Amtshandlung nach, das ist ja deren Aufgabe. Niemand, auch ich nicht, kannte den Grund der Amtshandlung. Weder erschien mir das Vorgehen der Polizei unnötig brutal noch hätte ich mir denken können wie der junge Mann sonst zu bändigen gewesen wäre. Ich hatte das Gefühl, dass die ganze Situation kippte. Einer Polizistin gab ich meine Visitenkarte für den Fall, dass ein Zeuge für den Hergang der Amtshandlung benötigt würde.

Es kam in der Folge zu einer Gerichtsverhandlung, zu der ich als Zeuge geladen wurde. Der junge Mann hatte nämlich den Polizisten wegen Körperverletzung angezeigt.

Beim Warten kam ich mit einer Dame ins Gespräch. Erstaunt stellten wir fest, dass wir beide zu der selben Rechtssache aussagen sollten. Doch hatten wir eine diametral entgegengesetzte Wahrnehmung des selben Vorgangs. Was ich als angebrachte Vorgangsweise seitens der Polizei empfand erschien ihr unglaublich überzogen und brutal. Ihre Person und ihr Auftreten hatten mir keinen Grund geliefert ihre Sicht der Dinge nicht ernst zu nehmen, und ihr ging es mit mir genau so. Nach einer Schrecksekunde fassten wir uns und jede blieb bei Ihrer Version. Wir taten dies beide in der aufrichtigen Hoffnung so der Wahrheit am besten zu dienen.

Das Phänomen der verzerrten Wahrnehmung ist bekannt. Es wurde von Psychologen ausgiebig beforscht und drüber publiziert. Aber es stellt sich mir die Frage: Was können wir wirklich mit Gewissheit wissen?

Darf man dem Kommentar zur philosophischen Konsequenz der Quantenmechanik Anton Zeilingers glauben, so gibt es keine Realität die unabhängig ist vom Beobachter. Mir scheint wir erleben uns immer nur selber und jeder von uns hat seine eigene Wirklichkeit.

Ich muss nicht jede Auffassung teilen, aber in jedem Fall hab ich sie zu respektieren.

Darüber werde ich noch lange meditieren!

© Dotti-on-the-road 16.10.2019