War früher wirklich besser?

Ich kam mit einer Behinderung zur Welt. Mir fehlte der linke Arm. Für meine Eltern, die alles dran setzten sich einen Zipfel vom Wirtschaftswunder zu sichern, war meine Geburt eine Katastrophe.

Inklusion war in den sechziger Jahren ein Fremdwort. Noch zu gegenwärtig war die Zeit der wirtschaftlichen und politischen Ungewissheit der Nachkriegsjahre. Man sehnte sich nach Normalität, einem Auto, einem Farbfernseher und einem Häuschen im Grünen. Man blätterte in Hochglanzmagazinen und zimmerte sich eine Hochglanzwelt. Ein ungemütlicher Ort für ein kleines, einarmiges Mädchen.

Auf den ersten Schultag freute ich mich und hatte gleichzeitig große Angst davor. Würde ich unvollkommenes Wesen den Anforderungen entsprechen können? Wie würden meine Klassenkameradinnen auf mich reagieren? Fragen wie diese beschäftigten mich bereits Wochen vor dem eigentlichen Schulstart.

Eigenartigerweise kann ich mich an meine ersten Unterrichtsstunden kaum erinnern. Sehr tief in mein Gedächtnis hat sich der tägliche Weg zur Schule eingegraben. Ich verließ unser Haus immer pünktlich, trödelte aber unendlich herum. Entweder kam ich gerade pünktlich oder meistens aber etwas zu spät. Meine strenge Frau Lehrerin ließ derartiges Fehlverhalten nicht durchgehen. Die Eltern wurden einbestellt und belehrt.

Die kurze Zeit vor Schulbeginn waren wir unbeaufsichtigt in unserem Klassenraum, doch diese Minuten waren für mich das Inferno. Ich spürte die Blicke meiner Mitschülerinnen und ich fühlte, dass meine Anwesenheit unerwünscht, ja sogar eine Zumutung war. Jedes Tuscheln bezog ich auf mich. So gerne hätte ich alle von meiner Anwesenheit befreit, ich wünschte ich hätte mich wegzaubern oder unsichtbar machen können.

So ging ich eines Tages gar nicht hin. Ich verließ das Haus überpünktlich wie jeden Tag, begab mich aber nicht zur Schule sondern versteckte mich. Als ich nach einiger Zeit zuhause wieder auftauchte quittierte meine Mutter mein Verhalten mit einer schallenden Ohrfeige. Sie ließ mich gar nicht erst ins Haus, stante pede schickte sie mich zurück zur Schule.

Ein trauriger, kleiner Zinnsoldat marschierte mit hängendem Haupt zurück an den Ort des Grauens. Mit meinen sechs Jahren war mir schlagartig klar, dass ich den Kampf kämpfen musste, egal was da kommt.

Heute unterrichte ich selbst an einer berufsbildenden höheren Schule und darf behaupten, dass sich viel zum bessern gewendet hat. Kinder mit und ohne Behinderung sitzen ganz selbstverständlich nebeneinander im Klassenzimmer, unterstützen sich gegenseitig und lernen voneinander.

Das Thema Inklusion im Bildungsbereich wird kontroversiell debattiert und es gibt verschiedene Ansätze. Wichtig ist vor allem, dass jeder Mensch so wie er ist akzeptiert wird. Die Wertschätzung der Vielfalt vom Kindergarten bis zum Seniorenheim ist das Gebot der Stunde. Ich denke wir sind auf einem guten Weg!

© Dotti-on-the-road