Kellergesicht

Kalt, gefrierender Regen. Fahrradwetter. Zumindest für mich, denn mit dem Bus zur Schule zu fahren kommt für einen 1964 geborenen Teenager mit einem Bianchi Superleggera auch im kalten Winter 1979 nicht in Frage. Linkskurve vorm Busbahnhof - kenne ich gut, diesmal zu schnell... Gleich nach dem Wegrutschen meines supercoolen Rennrads schlage ich auf und spüre einen heftigen Schmerz zwischen den Beinen. Verletzungen in der gerade für junge Männer überwichtigen Körpermitte scheinen im ersten Moment doppelt schlimm. Mir bleibt die Luft weg und erst als ich halb unter dem Linienbus liegend zum Stillstand komme, bemerke ich die überraschten Gesichter der Wartenden. Aufhelfen konnte mir niemand, da ich voller Scham und Schmerz dafür zu schnell mein Fahrrad unter dem glücklicherweise stehenden Omnibus der damaligen Linie S hervorzog und auf der eisglatten Straße das Weite suchte.

Viel zu spät dran versuche ich leise in die Sackgasse einzufahren, habe mir davor beim letzten Rüscherl mit Freunden noch schnell Ausreden für mein Zuspätkommen überlegt und diese auf der Fahrt nach Hause gegen den Motorenlärm meiner KTM 50 RS4L brüllend, einstudiert. Nun verriet mir das unbeleuchtete Gebäude, dass weder Eltern noch Großeltern zu Hause waren. Als ich aufsperre, höre ich hinter der Kellertüre Geräusche. Einbrecher – das war mein erster Gedanke. Mit einem "was ist da los" erschreckte mich mein um ein Jahr älterer Bruder von hinten. Ich schilderte ihm meine Beobachtung. Mit einem „gibt´s nicht“ sperrte er die Kellertüre auf und ging laut polternd die Stiegen nach unten. Reflexartig und ängstlich griff ich nach der am Regal liegenden Axt und stand nun so hinter meinem Bruder, der in dem Moment eine sonst immer offene Türe mit dem Fuß aufstieß. Da die Türe zurückschnellte hob ich die Axt an. Zwei leicht angetrunkene, über 1,90 Meter große junge Männer und einer davon mit erhobener Axt hinter dem anderen stehend. Es dürfte dieser Anblick gewesen sein, der den Einbrecher veranlasste , die sofortige Flucht zu ergreifen. Und mehr als verdutzt ließen wir ihn auch ziehen. Seine bereits zum Abtransport vorbereitete Beute wäre der Inhalt unserer Tiefkühltruhe gewesen.

Ein Jahr später musste ich dann doch einmal mit dem Bus nach Hause fahren. Als ich am Busbahnhof in den Bus der Linie S einsteige, erinnere ich mich an meinen damaligen Radunfall und bilde mir auch ein leichtes Ziehen in der Körpermitte ein. Unangenehm - und dieses Gesicht - kenn ich doch, das ist doch Kellergesicht. So nannten mein Bruder und ich den Einbrecher in unseren gegenüber Freunden reichlich ausgeschmückten Erzählungen. Auf dem Kopf trug Kellergesicht eine für Buschauffeure übliche Mütze.

Polizei! - Geschrei, Verhaftung - Nein. Ich stieg wortlos aus, beschloss den nächsten Bus zu nehmen und war eigentlich froh, dass Kellergesicht nun auch die Möglichkeit hatte, seine Tiefkühltruhe mit ehrlicher Arbeit als Buschauffeur zu füllen.

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