Love and lost

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Love and lost | story.one

Im November werde ich 50. Ich habe einiges erreicht, 2 Ehen, 2 Scheidungen, 2 Kinder, 10 Jahre in Berlin, Kleingarten, Haus, Kinder, Hunde, Katze, Beziehungen - alles dabei, was es so gibt.

Aber etwas fehlt.

Ich weiß, ich bin eine starke Frau, trotz meiner Kindheit und trotz meiner Depressionen, die mich immer wieder im unpassendsten Moment heimsuchen. Die letzten Tage waren unglaublich schwer für mich, ich schlafe schlecht, meine Gelenke schmerzen, mein Spiegelbild findet mich scheinbar total unsymphatisch und schaut mich jeden Morgen mit müden Augen und trockener Haut an.

Jeden Morgen muss ich mich diesem kritischen Blick ausliefern, jeden Morgen finde ich ein paar neue Linien in meinem Gesicht, ein paar neue graue Haare und vom Rest will ich gar nicht erst reden. Zum Glück endet das Spiegelbild noch vor dem Ende des übergroßen Leiberls, das ich zum Schlafen anhabe. Sonst würde ich mich in aller Herrgottsfrüh noch mit meinen Fettpolstern, Dehnungstreifen und der Cellullite befassen müssen - da würden auch die Antidepressiva nicht mehr helfen, die ich schon seit 15 Jahren einwerfen darf.

Aber ich schweife schon wieder vom Thema ab, das passiert mir in letzter Zeit ständig, die Konzentration und das Gedächtnis lassen sich scheinbar auch "hängen".

Heute habe ich es mal wieder geschafft, eine ganz große Liebe gehen zu lassen.

Sein Name ist Thomas, nächst Woche wären wir ein Jahr zusammen, der absolute Rekord seit meiner Scheidung vor 5 Jahren. Thomas ist ein ganz großartiger Mann, er ist intelligent, witzig, gut aussehend und "bärig" - also sehr gut zum kuscheln und anlehnen geeignet.

Leider sind wir beide gebrannte Kinder, er hat viel gegeben und nix dafür bekommen und ich wahrscheinlich auch. Und so trafen wir aufeinander wie Deckel auf Deckel. Jeder von uns hat seine Erkenntnis aus der gescheiterten Ehe gezogen. Thomas nimmt den Fuß nicht von der Bremse und ich will nicht wieder mit meinem blumengeschmückten Cabrio ungebremst gegen die Mauer krachen.

Heute war es dann so weit. Ich habe für mich festgestellt, dass ich einfach diesen einen Mann brauche, der für mich die Berge versetzt und die Schluchten durchquert. Nicht immer den, der darauf wartet, dass ich das schon checke, aushalte, mittrage, .... Er tut es nicht für mich. Er reiht sich nur ein in die nicht besonders eindrucksvolle Schlange der Männer, die zwar froh sind, dass ich so toll, selbstständig, intelligent und unabhängig bin, aber mich nicht auffangen wollen, wenn ich einmal fallen sollte.

Ich weiß nicht, warum es mich jetzt noch immer so verletzt, warum ich immer noch so unglaublich traurig und enttäuscht bin, warum es nicht auch für mich den eine Mann gibt, der meine Stärken erkennt, ohne sie auszunutzen und meine Schwächen erkennt und mich hält, wenn einmal alles über mich hereinbricht. Ich kann doch nicht einfach immer stark sein, ich bin doch auch nur eine Frau.

© Edith Nestlang 18.04.2020