Am Lagerfeuer von story.one

St. und Sa. heißen die zwei jungen Damen, die mir gegenübersitzen, D. der Mann neben mir. Das Hinterzimmer im Cafe Jelinek im 6. Wiener Bezirk ist voll gefüllt, anderswo würde man sagen: ausverkauft!

Eintritt bezahlt habe ich keinen, viel mehr habe ich mich zu einem Lagerfeuer dazu gesetzt, das J. organisiert hat an diesem 14. November 2019. Er hat Autoren und Autorinnen angeschrieben und sie eingeladen, doch auch zu kommen, Geschichten zu lesen und anderen Storys zuzuhören. Es soll ein Storyslam werden, und ich denke mir: ja, warum denn nicht.

St. und Sa. machen gerade eine Kindergärtnerinnenausbildung und bereiten sich auf Auslandsjahre vor, die eine in Norwegen, die andere in Argentinien. D. arbeitet in einem multi-nationalen Konzern. Zwei der drei sind schon auf story.one aktiv, eine noch nicht, obwohl auch sie schöne Geschichten zu erzählen hat, von viel zu tief im Wald versteckten Ostereiern bespielsweise, und von keuchenden Kindern, die sich auf deren Suche begeben mussten.

Die eine schreibt überaus erfrischend über ihre Familie. Dann klingt das so: >> Die Gedanken meiner Eltern schwanken, je nach Pubertätsgrad unsererseits, zwischen "2 Kinder im fast selben Alter zu haben ist so wunderbar" und "Das nächste Mal kaufe ich mir einfach 2 Goldfische". <<

Der andere schreibt über seine Jugend im Irak dermaßen bildhaft, dass ich glaube, mit ihm im Auto zu sitzen: >> "Warum sind Sie nicht angeschnallt?", heißt es dort. Wir wissen sofort worum es geht, denn im Irak schnallt sich bis heute kein Mensch an. Der Gurt schnürt einem die Brust ein, erzählt man sich. Wieder rollt der Dinar. Danach geht es mit Sicherheitsgurt weiter. Als wir bei der nächsten Sperre dann aber gefragt werden: "Wieso tragen Sie den Sicherheitsgurt?", sind wir dann doch etwas angefressen. Sind denn heute alle pleite? <<

Es sind zwei von über einem Dutzend Geschichten, und jede einzelne ist es wert, gehört und später nachgelesen zu werden. Mir wird einmal mehr bewusst, wie vielfältig Spache ist, was aus dem Modellieren von Wörtern entstehen kann, ich werte auch, was mir gefällt und was weniger. Doch das, was aus Sprache entsteht, ist subjektiv, und ich bin weder Marcel Reich-Ranicki noch Wolf Schneider. Schön ist, was gefällt!

Im Gespräch mit Gleichgesinnten verfliegt der Abend, ein paar abgedroschene Witze darüber, ob D. einen Sprengstoffgürtel aus dem mittleren Osten mitgebracht hätte und ich - um die Sicherheit aller zu gewährleisten - doch schnell: "Eine Bombe, eine Bombe" rufen sollte, dürfen auch nicht fehlen.

Langsam machen sich die Gedanken an den nächsten Arbeitstag breit, da heißt es früh aufstehen für mich, und langsam erlischt mein Lagerfeuer. Noch ein schneller Wortwechsel mit den story.one-Gründern, ein Danke an Organistor J., dessen Story zu meinen liebsten des Abends zählt, das Versprechen, beim nächsten Mal wieder dabei zu sein.

Lagerfeuer sind wirklich bereichernd. Wir sollten uns viel öfter an diesen zusammensetzen.

© Egon Theiner