Früher oder später gewinnt immer der Tod

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Immer wieder saßen wir bei einem Gamsbraten und einer Flasche Rotwein zusammen, und immer wieder erzählte der Ötztaler Albert "Ali" Grüner von seinen wagemutigen Ausflügen in die Hochgebirgswelt der Alpen. Eiger-Nordwand, Matterhorn, Ortler, Bumiller-Pfeiler, die Dolomiten - diese und viele andere Wände waren sein Revier. Doch als ob die Schwierigkeitsgrade allein nicht gereicht hätten: Zumeist war Ali seilfrei unterwegs, ein falscher Schritt, eine Achtlosigkeit hätte Abstürze über Dutzende oder Hunderte von Metern bedeutet.

Ständiger Begleiter war sein Bruder Otto, "mein Schutzengel", wie Grüner ihn nannte, denn dieser bewahrte ihn des öfteren vor einem anderen, ungebetenen Gast, dem Tod.

So erzählte Albert Grüner, wie er und sein Bruder nach der seilfreien Nordwandbesteigung am Matterhorn über den Hörnligrat zu Tal eilten, er über die Bandschnur stolperte und dabei war, am Ostgrat fatal abzustürzen. Im Fallen griff er nach dem Rücken seines Bruders und klammerte sich an dessen Hals fest, und während Otto versuchte, beide ihre Leben zu retten, zerrte an Alis Schulter der Tod, um ihn von seiner aktuellen Lebensader loszureißen. "Und dann sahen wir beide, dass der Felsblock, an dem der Otto sich festhielt, langsam, ganz langsam in Bewegung kam. Otto reagierte schnell, hangelte sich zum nächsten Felsen und dies zeitgerecht - der erste donnerte zu Tal..."

Mir stockte bei seinen Erzählungen der Atem, doch Zeit zum Durchschnaufen gewährte der Tiroler nicht. "Einmal", fuhr er fort, "war ich in einer Gletscherspalte im Ortlergebiet gefangen, und ich hatte wahrhaftig den Eindruck, ein Zwiegespräch mit dem Tod zu führen. Der hat mir erklärt, dass meine Zeit schon einige Mal gekommen gewesen wäre, damals, als ich beim Soloklettern 20 Meter über dem Boden abgestürzt bin, oder wiederum beim Free Solo im Angerwand-Wasserfall, oder im Ostriss an der Martinswand. Und ich hab ihm dann gesagt, dass ich nie Schiss vor ihm gehabt hätte. Dass ich nie Angst vor dem Sterben verspürt hätte. Sensenmann, hab ich ihm gesagt, es hat sich allemal gelohnt, so zu leben, wie ich es tat."

Alis Schutzengel Otto starb am 4. Januar 2005. Zu dritt, die beiden Alpinisten und der Tod, standen sie in einer Rinne in den Wäldern unweit ihrer Häuser in Längenfeld. Training war angesagt,und Ali an diesem Tag jener, der die Route bestimmen sollte. Während der eine noch überlegte, machte der andere einen Schritt nach vorne, rutschte aus und schlitterte der Abbruchkante des Felsens entgegen. Ali stockte der Atem, und dem Tod, der seinetwegen gekommen war, wohl auch. Otto stürzte über 100 Meter ab.

"Ich werde alt, weil ich mit der Kletterei aufgehört habe", sagte Ali einmal. Am 2. April 2017 stand er auf einem seiner Hausberge, telefonierte mit einem Freund und überprüfte mit einem Stock die Schneehöhe. Der Tod hatte leichtes Spiel. Ali verlor das Gleichgewicht und stürzte ab.

Der Tod gewinnt. Nicht immer sofort. Aber immer.

© Egon Theiner