Being Ernest Hemingway

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Über Jahre hinweg verbrachte ich einige Wochen in Florida. In Miami staunte ich über die sportliche Eleganz und Klasse der "Heat"-Basketballer, in Naples über die Anzahl der niedergelassenen Ärzte (die wohl in gewisser Relation zur Einwohnerschaft im "Altersheim der USA" stand), in den Everglades über die Vielfalt uns Europäer eher unbekannter Flora und Fauna.

Doch das Highlight eines jeden Trips war ein Abstecher nach Key West, an den südlichsten kontinentalen Punkt der USA. Schon die Fahrt über die 42 Brücken über die Keys war ein Erlebnis für sich, und einmal dort schien mir, als wäre ich in einer anderen Welt und Zeit. Auf den Hauptstraßen pulsierte das Leben, doch nur eine einzige Seitenstraße entfernt lagen zurückgezogene,fast einsame, schmucke Frühstückscafes, deren Besitzer kubanischen Kaffee und köstlichen Zitronenkuchen servierten. Ich verbrachte den halben Tag dort, las Zeitung, lies die Seele baumeln, sinnierte mit meiner Reisebegleitung über Gegenwart und Zukunft.

Und auch über die Vergangenheit. Ernest Hemingway war 1928 erstmals auf die Insel gekommen und hatte dort mehr oder weniger zehn Jahre verbracht. Sein Haus in der Whitehead Street 907 ist heute ein Museum, in dem auch jene Schreibmaschine zu sehen ist (Bild: Cullen328/wikimedia Commons), auf der "To Have or Have Not" entstanden war. Und zu sehen ist auch der Pool, den seine Ehefrau Pauline eingefordert hatte. "Du kostet mir den letzten Penny", soll Hemingway zu seiner zweiten Gattin gesagt haben, und ließ in der Tat eine Geldmünze am Schwimmbassin einmauern.

Doch viel mehr als diese Geschichten faszinierte mich die Routine des Literatur-Nobelpreisträgers. Jeden Morgen schrieb er. Jeden Nachmittag fuhr er zum Fischen. Jeden Abend war er in den Bars von Key West, hauptsächlich im "Sloppy Joe's" zu finden. Und täglich grüßte das Murmeltier.

Mit jedem Whiskey, den ich auf Key West trank, wurde der Wunsch größer, einfach hier zu bleiben und es meinem Vorbild nachzumachen, zu schreiben, das Leben zu genießen, es sich gut gehen zu lassen. Doch die Geschichten wiederholen sich nicht für jeden, jeder Urlaub geht einmal zuende. Das nächste Spiel der Miami Heat rief, die Tage der Strandurlaube in Miami Beach gerieten in den einstelligen Bereich, der Rückflug kündigte sich fast schon drohend an.

Ernest Hemingway ist mein Idol geblieben und Key West meine Traumdestination. Ein Kunstdruck im Wohnzimmer erinnert mich an vergangene Tage, zuweilen macht sich Wehmut, meistens aber Freude breit: Freude, einen Ort gesehen und erlebt zu haben, wie es ihn wohl noch öfter auf dieser Welt gibt - aber für mich nur ein einziges Mal. Ganz draußen, am Ende einer Inselkette, mitten im Golf von Mexiko. In einer anderen Welt und anderen Zeit.

© Egon Theiner