Ein ganz normaler Tag in Österreich 2018?

Ich komme eigentlich nicht viel raus. Bin Freiberufler, arbeite schon seit Jahren regelmäßig mehr als zwölf Stunden täglich bzw. 60 Stunden wöchentlich. Soll sein, ich beschwere mich nicht.

Wenn ich meinem Hobby, dem Laufen, nachgehe, treffe ich mich mit Gleichgesinnten, wenn ich arbeite, gibt es viele Meetings mit Autoren und anderen Kreativen. Ich würde sagen, dass es mir gut geht, obwohl Normen und Werte, denen ich mich verpflichtet fühle - Empathie, Menschlichkeit, Zuvorkommenheit - anscheinend immer mehr an Bedeutung verlieren.

Vor einigen Wochen war ich zu einer Buchpräsentation in Linz. Der Abend verlief hervorragend, der Protagonist wurde von über hundert Interessierten umschwärmt. Der Buchverkauf brummte, auch der Buchhändler war sehr zufrieden.

Auf dem Weg zurück zum Bahnhof eilte ich an einem Straßenkaffee vorbei. Eine Dame putzte gerade einen südländisch erscheinenden Kellner ab: "Jeder, der in Österreich lebt, muss das wissen. Wieso wissen Sie das nicht?!", fauchte sie ihn an. Ich hatte den ersten Teil der Konversation nicht mitbekommen, vielleicht ging es um einen Cappuccino, der mit Schlag oder Schaum serviert werden konnte. Ich schüttelte den Kopf.

Fünf Minuten später stand ich an einer Fußgängerampel, und ein Spanner machte sich die Pause zunutze, um eine ebenfalls wartende Frau anzumachen. "Willst ihn sehen? Willst meinen Pimmel sehen?" Weil sie den Mann schockiert anstarrte, lieh ich ihr meine Worte. "Wenn ihn rausholst", fauchte ich ihn an, "reiße ich ihn dir ab." Die Verkehrsanlage sprang auf grün, und unsere Wege trennten sich.

Zurück in Wien saß ich in der U-Bahn in einem sehr gut gefüllten Wagon, sinnierte über den Tag und bekam nur am Rande mit, wie eine Person dunkler Hautfarbe sich mir gegenüber niedersetzen wollte. "Hier ist besetzt", sagte der weiße Mann, der den Platz daneben okkupierte. Mit einem Schlag war ich wieder hellwach, rutschte einen Sitz weiter und sagte zum neu angekommen Fahrgast: "Hier ist noch frei." Er bedankte und setzte sich. Nun sah ich dem Idioten, der glaubte, Rassentrennung vollstrecken zu müssen, direkt in die Augen. Wir funkelten uns an und insgeheim hoffte ich, dass er sich zu einem Scharmützel hinreißen lassen würde.

Dazu kam es - leider, oder besser: gottlob - dann doch nicht. Als ich nach fünf, nur fünf Stunden!, wieder zurück zu Hause war, konnte ich nicht fassen, was ich in solch kurzer Zeit erlebt hatte. Unfreundlichkeit und Herablassung, Hass und Arroganz, und Perversion.

Was erleben jene, die den ganzen Tag unter wildfremden Menschen sind, dachte ich mir. Ist das wirklich das Österreich im Jahr 2018, oder war ich einfach nur zur falschen Zeit zur falschen Stelle?

Ich werde auch in Zukunft hinausgehen und wenn es sein muss, meinen Mund aufmachen. Und ich weiß, als guter Läufer im Fall der Fälle flüchten zu können. Dann beispielsweise, wenn meine Judo-Künste mir nicht mehr weiterhelfen.

© Egon Theiner