Im Duell mit den Serpentinen des "Stelvio"

Wenn der Trail endet und der Weg zum Ziel über die weltberühmte Stilfser Joch-Hochalpenstraße führt, dann steht man in der Kehre Nummer 22, blinzelt in die Sonne und versucht, dort oben, in der Ferne, das Ziel ausfindig zu machen. Das Joch ist ein kleiner Punkt am Horizont, es scheint vom Himmel geküsst und treibt mir die Tränen in die Augen. Verdammt, wie soll das gehen?! Das ist ja noch unendlich weit! Das schaffe ich nie!

Es ist das Jahr 2017, der Stelviomarathon wird zum ersten Mal ausgetragen, und ich bin, sagen wir es so: nicht richtig vorbereitet. Trainingseifer ist so ein Wort. Ja, ich laufe gerne und regelmäßig, und nein, ich strenge mich nicht so gerne an. Ja, die Vorbereitung ist wichtig, und nein, ich nehme es leider nicht so genau mit Ernährung und Trainingsreizen. „Für dich ist das alles ein Abenteuer“, sagt mir Trailrun-Trainer Werner einige Tage vor dem Stelvio-Marathon, weder bewundernd noch verurteilend gesprochen, nur nüchtern auf den Punkt gebracht - und er beschreibt damit recht gut, was für ein Typ Mensch ich in. Einer, der sich überwinden kann, der sich auch die Seele aus dem Leib kotzen würde – nur um zu erforschen, wo seine Grenzen liegen.

Die ersten 16, 17 Kilometer spielten sich im Flachen zwischen Prad und Glurns ab und stellen keine weiteren Probleme dar. Doch dann keuche ich von 900 m auf 1300 m hoch. Einige Anstiege sind dermaßen steil, dass mir schwarze Punkte vor den Augen herumtanzten. Der Weg flacht kurzzeitig wieder ab, Atem und Herzschlag stabilisieren sich und schweißüberströmt erreiche ich Stilfs. „Du wirst dir denken: Ganz schön viele Deppen heute unterwegs“, sage ich im Vorbeilaufen einem jungen Feuerwehrmann, der die Teilnehmer den richtigen Weg weist. „Ja“, ruft er mir nach, „und zahlen tut’s auch alle dafür.“

Ich lache in mich hinein, glücklich, hier zu sein. Rund einen Kilometer später ist die Freude verflogen und hat Ärger, Wut, Verzweiflung Platz gemacht. Denn nunmehr steigt die Strecke nur mehr an, von 1300 auf über 2400 m. Das ist der erste und letzte Bergmarathon, den ich bestreite, schwöre ich mir. Warum tust du dir das an?! An der Furkelhütte steige ich aus und fahre mit dem Sessellift ins Tal zurück, nehme ich mir vor. Daraus wird nichts, der Lift steht aufgrund der Mittagspause. Also weiter.

Und nun stehe ich verzweifelt auf der Passstraße. Gedanken an das Aufgeben kommen und gehen, doch letztlich will ich es wissen. Mein Blick ist jener eines schmollenden Kindes, ich starre wie hypnotisiert auf den von der Sonne erwärmten Asphalt und stapfte trotzig los. Für mich beginnt ein neuer Wettbewerb. Nicht die letzten sieben Kilometer müssen heruntergezählt werden, sondern die Kehren. Noch 20. Bei einer der vielen Laben wird mir Bier angeboten, das ich dankend annehme. Noch 17. Von der anderen Talseite grüßt König Ortler. Noch 14. Ich überhole andere und werde überholt. Bald sind wir einstellig… und dann bin ich im Ziel - als einer der Letzten und doch als Sieger.

© Egon Theiner