Körper, Herz, Verstand - und viel Regen

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„Lasst es gut sein. Hört jetzt auf. HÖRT. JETZT. AUF!“, brülle ich in die norditalienische Nacht, als ich durch ein verschlafenes Dorf komme. Es muss drei oder vier in der Früh sein, ich bin allein unterwegs irgendwo im Mittelfeld des 100-km-Laufs beim Ultra Trail Lago d’Orta, kurz UTLO. Die erste schwere Steigung ist genommen, relativ problemlos, aber bereits im Regen. Die trockene Nacht, die uns im Briefing vor dem Start in Start- und Zielort Omegna versprochen worden war entpuppte sich nur als trockene Stunde.

„HÖRT JETZT ENDLICH AUF“, werde ich nochmals laut, und als ich um die Kurve komme, laufe ich fast in die Arme eines verdatterten Streckenposten, der mich gehört haben muss, aber nichts versteht. Ich entschuldige mich und nehme mir vor, leiser zu sein. Mein Körper, ich weiß, das rechte Knie, die rechte Hüfte, der linke Ellenbogen zwicken, aber es ist zu früh um mit dem Ächzen zu beginnen. Mein Herz, ich weiß, dass in Wien das Wetter ideal zum Bergwandern ist, doch jammere nicht. Mein Verstand, hör auf mir einzureden, dass es besser wäre, den Event nach der ersten Schleife sein zu lassen. Ihr drei, ich habe eine Information für euch: Wir werden diese verdammt nassen 100 Kilometer beenden.

„Die Organisatoren genießen einen hervorragenden Ruf, die Trails sind Spitze, die Verpflegungsstellen top, das Panorama von den Aussichtspunkten umwerfend. Beim UTLO musst du unbedingt einmal dabei sein“, hörte ich in diesem Jahr einige Male. „Morgen werdet ihr die Sonne nie sehen - es wird nur regnen“, sagen uns die Veranstalter, als sie uns um 23 Uhr auf die Strecke schicken.

Es läuft nicht schlecht, der Regen wird indes mehr und mehr und die Trails leiden darunter. Die Strecken bergab sind etwas für Selbstmörder. Ich stürze nach links und rechts, falle nach vorne und hinten. Schlimmer: Ich kühle immer mehr aus, nehme aber an den Verpflegungsstellen keine Suppe oder Tee zu mir.

Der letzte Anstieg ist nichts für schwache Nerven. Auf versumpften, schmalen Pfaden hangle ich mich immer weiter nach vorne und bin froh, dass ich nicht sehe, wo ich im Falle eines Fehltritts landen würde. Der Weg hinunter zum Ziel nimmt kein Ende, ich beginne zu frösteln. Daraus wird Zittern, aus diesem Bibbern. Nach 100 Kilometern, 6200 Höhenmetern und 24:41 Stunden überquere ich die Ziellinie, Körper, Herz, Verstand sind auch dabei. Es könnte sich besser anfühlen, als es sich tut, doch ich denke nur an eines: mich mit viel Tee aufzuwärmen.

Mein Körper ächzt, mein Herz ist hin- und hergerissen, mein Verstand nennt mich einen Trottel. Es sind jene Momente nach dem Lauf, in denen ich sie alle angrinse. Was habe ich euch gesagt? Dass wir das Rennen beenden werden!

Ein paar Stunden später sitze ich in einem Cafè am Hauptplatz, trinke Cappuccini und esse Croissants und denke mir: Es soll ja so schön sein hier, mit einem herrlichen Panorama, mit einer tollen Aussicht auf den See. Den UTLO sollte ich wirklich nochmals machen, und blicke aus dem Fenster.

Es schüttet noch immer.

© Egon Theiner