Mein Zielbogen

Die Uhr der Zeitnehmung zeigt 6 Stunden, 39 Minuten und ein paar Dutzend Sekunden, doch als ich mich zusammen mit meinen ULT Heustadlwasser-Vereinskollegen Erwin Ostry und Martin Wustinger dem Zielbogen nähere, weiß ich schon, meine aus dem Vorjahr stammende "Personal Best" deutlich unterboten zu haben. Wir laufen mit erhobenen Armen ins Ziel, und innerlich juble ich: 70 Minuten schneller als 2017, 35 Minuten schneller als 2018! Wenn das so weitergeht, werde ich später nachrechnen, müsste ich den Stelvio Marathon 2025 gewinnen...

Der "Stelvio" ist immer eine Reise wert, und für den Zielbogen kann, nein: soll, nein: muss man auch Blut, Schweiß und Tränen in Kauf nehmen. Der Marathon, der einen schnellen flachen Part beinhaltet, der Trailläufer auf seine Kosten kommen lässt und der das Herz von Bergspezialisten höher schlagen lässt, ist fordernd. Aber lohnend: Die vielen Labestationen werden von herzlichen Menschen betreut, das alpine Panorama ist schlichtweg umwerfend, der Lauf (oder der Marsch) auf der Passstraße ein Erlebnis für die Ewigkeit.

... und dann steht man in der obersten Kehre, jene mit der Nummer 1 und weiß, dass 400, 500 Meter bis zum Zielbogen fehlen.

Zu DIESEM Zielbogen! Zu MEINEM Zielbogen!

Am Tag vor dem Rennen haben meine Frau Karin und ich als Freiwillige die Organisatoren unterstützt, waren mit ihnen auf das Stilfser Joch gefahren und haben Vorbereitungsarbeiten erledigt: Absperrungen hin- und hergetragen, Bänke, Tische, Zelte aufgestellt, Werbebanner angebracht, Wasser und alkoholfreies Bier aus dem Kleinlaster ausgeladen.

Doch das Highlight dieses Tages war - neben einer guten Speckknödelsuppe im Hotel "Tibet" und netten Gesprächen - das Errichten des Zielbogens. Das schwere Metall wird auf allen Seiten mit dem Veranstaltungslogo oder den Sponsorenbezeichnungen verhüllt. Ein paar der Mitarbeiter machen das nicht zum ersten Mal, das sieht man, sie sind schnell im Herausfinden, welche Platte wohin gehört und noch schneller, diese mit einem elektronischen Bohrer an das Metallgerüst zu schrauben. Um ihn aufzurichten benötigen wir alle verfügbaren Hände, so schwer ist er. "Der hält auch Böen von 70, 80 Stundenkilometer aus und fällt nicht um", sagt einer. Doch wir sind vorsichtig, die Stahlplatten des Bogens werden mit dreißig Zentimeter langen Eisenstäben im Boden verankert. Sicher ist sicher.

Einen Tag später sind die Ersten bereits durch den Zielbogen gelaufen, während ich mich zwischen Stilfs, Fragges und Furkelhütte abmühe. Ich liebe diesen Event, ich lebe für ihn. Ein steiler Trail bergab jagt mir die Gänsehaut über den Rücken, und ich springe ihn nicht wie ein 51-jähriger Mann, sondern wie ein junges Reh hinab. Oh, könnte doch dieser Streckenabschnitt nie zuende gehen.

Und auch wenn es schwierig wird, wenn die Serpentinen kein Ende mehr zu nehmen scheinen - dann muss ich immer noch lächeln. Denn ganz oben steht ein Bogen, der ein klein wenig auch mir gehört.

MEIN Zielbogen.

© Egon Theiner