Eine Olympiasiegerin zum Vorbild haben

Die Olympischen Winterspiele in PyeongChang 2018 waren kalt und erlebnisreich – und lehrreich. Sie haben mir, einem bekennenden Sportenthusiasten, einmal mehr gezeigt, auf was es vorrangig ankommt. Großveranstaltungen haben wirtschaftliche, finanzielle, politische, gesellschaftliche Hintergründe, doch wenn man sich zu sehr, oder: ausschließlich, auf diese Aspekte konzentriert, verliert man den Blick für das Wesentliche. Für den Sport, und für all das, was wir für das Leben lernen und mitnehmen können.

Es ist der 17. Februar 2018, auf dem Programm der Nordischen steht der 4 x 5-Kilometer Wettbewerb der Frauen. Norwegen ist Favorit, aber „Stafett er stafett“, hatte Langlaufgöttin Marit Bjoergen bei einer vorangegangenen Pressekonferenz gemeint. „Relay is Relay“, oder: „eine Staffel ist eine Staffel“ – will heißen: alles kann passieren, nichts ist garantiert. Bei einem Staffelrennen, Geschichtsbücher zur Hand, sind Widrigkeiten allemal einzuplanen auf dem Weg zur Medaille oder zum Sieg.

Gegen 11:15 Uhr MEZ, 19:15 Uhr Ortszeit, zeichnet sich das finale Duell zwischen Marit Bjoergen und Stina Nilsson ab. Die Schwedin ist vier Tage zuvor Sprint-Olympiasiegerin geworden, und die Norwegerin weiß, dass sie in einer Fotofinish-Entscheidung die schlechteren Karten besitzt. Und was tut Bjoergen? Lanciert den Zielsprint gefühlt einen Kilometer vor dem Ende des Rennens. Das geht sich nicht aus, denke ich mir, sie wird einbrechen, das ist viel zu früh. Und weiter: Es muss ihr jetzt die Kraft ausgehen. Das kann sie nicht durchstehen. Was hat sie sich nur dabei gedacht?!

Das Ergebnis ist vielleicht bekannt. Bjoergen holt für Norwegen Gold, zwei Sekunden vor Nilsson. Spätestens seit diesem Tag bin ich Fan dieser Ausnahmeathletin, und nicht, weil Langlauf mein Lieblingssport ist (wer mich auf Ski gesehen hat, weiß, warum), sondern weil sie mir einmal mehr gezeigt hat, was machbar ist, wenn man an sich glaubt. Nun gut, Bjoergen hat alles mitgebracht, um zum Erfolg zu eilen – Topform, mentale Stärke, Erfahrung, richtige Taktik -, doch sie hätte es sich auch einfach machen können. Nilsson ist die stärkere Sprinterin, niemand hätte sie verurteilt, wäre es lediglich Silber geworden. Aber nein. Stafett er stafett, niemand hat gesagt, dass es einfach werden würde.

Vertrauen in die eigene Stärke, Überzeugung und Hingabe aufbringen, vom Denken ins Handeln kommen – und das Ziel erreichen. Bjoergens finale Staffel-Aktion ist so viel mehr als eine einfache sportliche Handlung, die mit Gold in PyeongChang ausgezeichnet wurde. Sie ist eine Metapher für erfolgreiches, erfülltes Leben, und in meinem Kleinen möchte ich sie nachahmen können.

Wir bejubeln Sieger und trösten (oder verspotten) Verlierer. Der Sport ist ein Sinnbild des Lebens, in konzentrierter, kompakter Form. Wir müssen nur genauer hinsehen, um uns zuweilen in Marit Bjoergen wiederzufinden. Besonders deswegen: Danke, dass ich in Korea dabei sein durfte.

© Egon Theiner