... this house is not for sale

Am 19. Juli 2003 traten Gämse oder Steinböcke Steine und Felsbrocken los, die einen 69-jährigen Wanderer erschlugen, der mit seiner Tochter gerade auf dem Weg zur Furkelspitze war. Dieser Berg ist mit 3004 m gerade einmal ein Dreitausender, er ist weder der schönste noch edelste im oberen Vinschgau, gehört auf keine to-do-Liste und die meiste Zeit ist er nebelverhangen obendrein.

Doch dieser Berg ist der Schicksalsberg meiner Familie. Der Bergsteiger war mein Vater. Meine Schwester erholte sich sehr, sehr schwer vom Schock, meine Mutter starb an Blutkrebs und gebrochenem Herzen drei Jahre später.

Oh, wie sehr habe ich die Berge gehasst! Über Jahre hinweg verweigerte ich deren Existenz, verleugnete die Schönheit der Dolomiten und die Erhabenheit der hohen Dreitausender. Die Alpen?, höhnte ich: am besten abtragen.

Erst ein Jahrzehnt später legte sich der Frust und der Ärger, meine Frau brachte mir wieder die Einzigartigkeit der Natur näher, und heute bin ich ein begeisterter Berggeher und Läufer. Immer wieder war ich zwischen Prad, Stilfs, Trafoi, Stilfser Joch unterwegs, blickte das Furkeltal hinauf - und bestieg eines Tages auch die Spitze.

Als ich das erste Mal davon hörte, dass es einen Bergmarathon in meiner engsten Heimat geben würde, und nachdem ich das Streckenprofil des Stilfserjoch-Marathons studiert hatte, lief mir die Gänsehaut über den Rücken: Die Strecke führte just an jenem Berg vorbei, der mein Leben, die Leben meiner Familie am nachhaltigsten geprägt hatte.

So war ich bei der ersten Auflagen 2017 dabei, schaffte - mehr als Abenteurer und weniger als Hobbysportler - mit Müh und Not die zeitliche Vorgabe des Veranstalters, war 2018 besser trainiert und früher im Ziel und werde auch 2019 (am kommenden Samstag) dabei sein. Und ich werde all die weiteren Bergmarathons von Prad auf das Stilfser Joch nicht missen. Die Strecke ist mit ihren rund 2500 Höhenmetern herausfordernd, doch auch wenn der Wettkampfcharakter dominiert - für mich ist dieser Event zuerst einmal eine Wallfahrt.

Nicht verwunderlich also, dass ich zwar auf sehr viele andere Rennen hintrainiere und mich auf diese auch sehr freue, dass mein Herz aber uneingeschränkt dem Stelviomarathon gehört. Ich laufe ihn in Gedenken an meinen Vater, an meine Mutter. Ich denke an die Zeit mit ihnen zurück und darüber, was sie mir mitgegeben haben für meinen Lebensweg.

Die Furkelspitze ist immer noch nicht mein Lieblingsberg und wird es auch nicht mehr werden. Doch der abgrundtiefe Hass ihr und anderen Gipfeln gegenüber hat sich gelegt. Meine Eltern leben in mir weiter und ich versuche, ihrem Testament und ihren Glaubenssätzen gerecht zu werden. Manchmal gelingt es, manchmal auch nicht. Meine Wurzeln kann und will ich jedenfalls nicht verleugnen.

Und wie singt Bon Jovi? This heart, this soul... this house is not for sale.

© Egon Theiner