Tränen der Freude, Demut, Dankbarkeit

Vor zwei Jahren war ich ein sportinteressierter aber etwas übergewichtiger Mann. Im Sommer 2018 bestritt ich das Rennen meines Leben in Zermatt in der Schweiz... Ein Rückblick auf den Lauf meines Lebens im sich zu Ende neigenden Jahr.

Die letzten 3,5 km nehmen kein Ende. Sie beginnen flach bis leicht ansteigend und ich frage mich, wie denn bei diesem Layout noch 500 Höhenmeter zustande kommen sollen. Ich hebe den Blick, sehe ein Rampe, denke mir: kein Problem. Wieder geht es eher gemütlich dahin. Meine Frau wartet am Wegrand, sie war bei ihrer Bergwanderung bereits auf dem Gornergrat und spricht mir Mut zu. „Das wird jetzt noch ein bissl schwierig, aber bald ist’s geschafft!“ Es fehlen noch knapp zwei Kilometer, und „schwierig“ erweist sich als Hilfsausdruck. Es geht steil bergauf, 20 Meter eben, steil bergauf, 20 Meter eben, und - eh schon wissen – wieder steil bergauf. An der letzten Labestation 1600 m vor dem Ziel werden die Teilnehmer mit der „Ola“-Welle begrüßt. „Es ist nicht mehr weit“, sagen die freundlichen Helfer und Helferinnen. Wohl wahr. Aber zu diesem Zeitpunkt ist jeder Schritt zu viel.

Man kann von Zermatt halten, was man will: schwer zu erreichen, schwer verbaut, schwer in Ordnung. Stimmt alles. Zermatt bietet bei gutem Wetter einen grandiosen Blick auf das Matterhorn, wenn man auf Berge steht, ist allein diese Aussicht die Reise wert. Zermatt bietet einen Marathon, der in diesem Jahr zum 17. Mal ausgetragen wurde und bei dem 2700 Teilnehmerinnen und Teilnehmer dabei waren. Einen Ultra gibt es auch, 45,5 km lang, mit knapp 2500 Höhenmetern. Dieser führt vom Marathon-Ziel am Riffelberg zum Gornergrat auf über 3000 m.

Und jetzt keuche ich mir die Seele aus dem Leib. Die letzten 1600 m nehmen kein Ende. Dennoch kommt der imposante Aufbau am Gornergrat näher. Wäre ich doch beim Marathonziel abgebogen, und hätte ich mir die letzten Kilometer geschenkt… Dieser Gedanke, ganz ehrlich, ist mir nie gekommen. Ich wollte den Ultra laufen. Also realisiere jetzt, was du dir vorgenommen hast: Schritt für Schritt, immer vorwärts, immer aufwärts. Die Stimme des Moderators wird immer deutlicher, er begrüßt jeden einzelnen Finisher. Das Ziel ist in Sichtweite – und doch noch so weit entfernt. Auf der Brücke, die über die Eisenbahnschienen führt, werde ich von meinen Gefühlen überwältigt. 20 Meter vor der Ziellinie werden meine Augen nass. Als mir die Finisher-Medaille umgehängt wird, breche ich in Tränen aus. Es sind Tränen der Freude, der Demut, der Dankbarkeit.

Jetzt sitze ich auf der Toilette am Gornergrat, flenne vor mich hin und bin einfach nur glücklich. Die letzten Monate passieren im Zeitraffer meine Gedanken. Dann wische ich mir die letzte Träne aus dem Gesicht und trete wieder in Freie, sauge hochalpine Eindrücke auf. Am Gornergrat blicke ich auf knapp 30 Viertausender, und ich blicke meiner Zukunft entgegen.

Denn der Zermatt Ultra wird nicht mein End-, sondern viel eher Ausgangspunkt gewesen sein.

© Egon Theiner