Wer hat Angst vor dem weißen Mann?

Ein Besuch auf dem "Schwarzen Kontinent", dort, woher wir alle kommen, schärft den Blick für das Wesentliche. Wenn man ein Weißer unter vielen Schwarzen ist, wird verständlicher und greifbarer, was es bedeutet, ein Schwarzer unter vielen Weißen zu sein...

„Ah, Roberto Baggio!“

Der Insasse im Buschtaxi, der neben mir sitzt und der mit mir von Nairobi in ein nahegelegenes Dorf fährt, lacht mich an, als ich ihm sage, dass ich italienischer Staatsbürger sei, und nennt den Namen des prominenten Fußballers. Es ist April 1995, ich befinde mich als Journalist der Salzburger Nachrichten bei der Kenia-Rallye und auch auf Entdeckungsreise. Mit einem Hotelangestellten habe ich Bekanntschaft gemacht. Gemeinsam waren wir in einem Burger-Restaurant. Als ich eintrat, wurde die Lautstärke des Radios zurückgedreht, die 20, 30 anwesenden Einheimischen hörten auf zu sprechen und starrten mich wortlos an. Was will dieser Weiße hier?

Und nun sitze ich in einem hilflos überfüllten Kleinbus, in dem es acht Sitzplätze gibt und in und auf dem sich 20 Menschen zwängen oder hängen. Wenn etwas passiert sind wir alle tot, weiß ich.

In einer Metzgerei, in der das von Fliegen umschwärmte Fleisch vor uns vom Haken genommen, zerhackt und gebraten wird, essen wir mit unseren Händen aus der gleichen Schüssel. In seinem Haus jage ich dem Kleinkind einen Höllenschrecken ein, weil ich der erste Weiße bin, den es sieht: Ängstlich plärrt es mich den ganzen Abend an. Ich esse eine Suppe mit der kulinarischen Sicherheitsanweisung des „cook it, peel it, or forget it“ – ganz ehrlich, keine Ahnung, was in diesem Eintopf alles ist. Ich schlafe auf der Couch und kratze mich tags darauf am ganzen Körper, haben mich doch dutzende Insekten gebissen.

Kenia hat tiefe Eindrücke hinterlassen, die 23 Jahre später wieder lebendig werden. Ich bin in Äthiopien und sehe Bilder, wie ich sie damals schon gesehen habe. Straßen voller Schlaglöcher, mangelnde Infrastrukturen, ganze nur aus Baracken bestehende Siedlungen, Menschen, deren Kleidung verbesserungswürdig ist. Ich sehe aber auch wieder Leute, die lachen und strahlen und freundlich auf mich zugehen. Die materiell weniger haben als ich und die mir dennoch reicher im Herzen erscheinen.

Eigentlich sollte jeder Bürger der so genannten ersten Welt verpflichtend – einmal im Jahr? einmal alle zehn Jahre? einmal im Leben? - mit anderen Realitäten in Kontakt kommen und über den eigenen Tellerrand hinausblicken müssen (so er es denn nicht schon tut). Dies brächte für unser Zusammenleben nur Vorteile, sinniere ich, um auch wieder zu relativieren. Ein Rassist bleibt ein Rassist, wohl auch dann, wenn er Ausgrenzung am eigenen Leib erfahren würde.

Wenn du Essen im Kühlschrank, Kleider am Leib, ein Dach über dem Kopf und einen Platz zum Schlafen hast, bist du wohlhabender als 75 % aller Menschen. Es ist nur Zufall, dass ich ein weißer Mitteleuropäer bin und nicht ein Schwarzafrikaner, der täglich um das nackte Überleben kämpfen muss.

© Egon Theiner