Wieder einmal 9/11. Und das Leben geht weiter

"Mach schon, wir haben viel vor..." Meine damalige Freundin eilt schnellen Schrittes durch die Lobby des Hotels in Las Vegas, wir wollen einen Hubschrauberflug buchen, um über den Grand Canyon und Hoover-Staudamm zu fliegen. "Komm, komm!"

Es ist früh, ich eile an einer Meenschentraube vorbei, die vor einem an einer Säule befestigten Fernseher steht, werfe einen schnellen Blick auf das Bild und sehe Menschen, die vor einer Staubwolke schreiend und weinend davonlaufen. Irgendwo auf der Welt ist immer Krieg, denke ich mir, zucke gedanklich mit den Achseln, gehe wieder ein paar Schritte, blicke ein letztes Mal zurück.

Und sehe, wie ein Flugzeug in einen Wolkenkratzer stürzt. Nicht in einen, sondern in einen des World Trade Center in New York.

"Brauchst dich nicht mehr beeilen", rufe ich meiner Ex nach, "unsere Pläne haben sich gerade geändert."

Die nächsten Minuten, die sich wie Stunden anfühlen (oder sind es Stunden, die zu Minuten werden?), verbringen auch wir im Bann der Ereignisse. Es wird keinen Flugverkehr geben, heute nicht, morgen auch nicht, wer weiß ab wann denn wieder. Ein ganzes Land, eines der größten und wichtigsten Länder der Welt, befindet sich in - verständlicher, nachvollziehbarer -Schockstarre. Den ganzen Tag über liegen wir am Pool, und es kommt uns vor, als wären wir alleine auf einer einsamen Insel. Keine startenden oder landenden Flugzeuge, keine Helikoptergeräusche, keine hupenden Autofahrer, kein Geschrei von Kindern. Ich verfolge die Rede von George W. Bush, der just in diesem Jahr 43. Präsident der USA geworden war, und es missfällt mir der kriegerische Speech, wiewohl ich ihn nachvollziehen kann.

Tage später fahren wir mit einem Mietauto nach San Diego und sehen auf allen Dächern US-amerikanische Flaggen wehen. Als wir von einem Tagesausflug nach Tijuana wieder nach Kalifornien wollen - wir haben öffentliche Verkehrsmittel vorgezogen - stehen wir in einer hunderte Meter langen Kolonne von Menschen, die das gleiche Ziel haben wie wir. Meine Ex-Freundin tritt aus der Reihe heraus, um Fotos von den Wartenden zu schießen, und wird von einem Grenz-Rambo niedergebrüllt. "Go back in line!" "Yes, yes, just..." "Go back in line!!""Yes, just..." "Go...." Ich zerre sie am Arm zurück in die Schlange.

9/11 hat Zeichen gesetzt und Spuren im gesellschaftspolitischen Leben eines jeden einzeln hinterlassen. Doch 17 Jahre, die zwischen 2001 und 2018 verstrichen sind, lassen Erinnerungen verblassen. Die Zeit heilt alle Wunden, heißt es. Ist das wirklich so? Oder bringt die Zeit nur neue Fakten und Lebensumstände hervor? Heute bin ich mit einer anderen Frau glücklich verheiratet. Heute befinde ich mich nicht mehr in einem Angestelltenverhältnis, sondern bin Freiberufler. Heute wohne ich nicht mehr in Salzburg, sondern anderswo. Und heute habe ich eine Nichte, geboren 2006, und einen Neffen, geboren 2007.

Das Leben geht weiter.

© Egon Theiner