Wien, Weib, Wein

Wir starrten uns mit fassungslosen Blicken an. Echt jetzt? Sind die etwa süß?! Vor uns standen Riesen-Portionen von Spaghetti, die wir uns in der Kantine aufladen hatten lassen. Endlich mal etwas Gescheites zum Essen, hatten wir uns gedacht. Und dann das! Die (wohl gezuckerten!) Nudel gingen so gut wie unberührt zurück, und die Angestellten der Jugendherberge warfen uns böse, sehr böse Blicke zu.

Ich war 17 Jahre jung und mit meiner Schulklasse auf Bildungsfahrt - als Südtiroler, also quasi als "eh-immer-noch-ein-bissl-Österreicher" sollten wir Wien kennenlernen, und rückblickend waren es interessante Tage. "Wien, Weib, Wein" hatten wir im Vorfeld unser Motto ausgegeben, alle Punkte der Agenda konnten wir allerdings nicht abarbeiten. Immerhin sahen wir sehr viele Baudenkmäler und Museen, und ja: der Ausflug hat bleibenden Eindruck hinterlassen. Nicht nur der Spaghetti wegen.

In der Zwischenzeit bin ich dreieinhalb Jahrzehnte älter und lebe schon seit 15 Jahren in einer der schönsten, sichersten und besten Städte der Welt. In Wien fühle ich mich heimisch - wobei dies nicht ganz stimmt. Wien ist zu groß, um die Stadt in ihrer Gesamtheit erfassen zu können. Ich lebe im dritten Bezirk der Metropole, nahe dem Donaukanal und der "grünen Lunge", dem Prater, ich kenne mich in meinem Grätzel aus und liebe es, mit dem griesgrämigen Kellner des Wiener Kaffees zu parlieren oder mich mit der türkischen Familie, die einen Lebensmittelladen auf der gegenüberliegenden Straßenseite führen, zu unterhalten. Doch es gibt Bezirke, in die ich kaum komme, und in denen ich mich dementsprechend schlecht auskenne. Aber egal. Wien ist weltoffen, multikulturell, empathisch, relaxed, gleichmütig. Alles kann, nichts muss hier geschehen. Es ist einerlei, woher man kommt, wohin man geht. Hier kann sich jeder zuhause fühlen, wenn er denn mag.

Ja, ja, da sind einige Klischees dabei, schon klar. Tatsache jedoch ist: Ich liebe Wien. Habe Freunde gefunden in der Nachbarschaft und auf der anderen Seite der Stadt. Bin herzlich aufgenommen worden in verschiedenen Schach- und Laufgruppen. Versuche, jeden Tag ein bisschen mehr und ein bisschen besser Wiener zu sein. Das mit dem Motzen und Sudern und Jammern gelingt mir schon recht gut, sage ich mit einem Augenzwinkern, aber ein Herr Karl werde ich in diesem Leben wohl nicht mehr werden.

Meine Frau für's Leben habe ich hier gefunden, meine Erfüllung in einem Beruf, der mir Spaß macht und mir meine Freiheiten lässt. Nicht unwichtig: Ich kenne einige sehr gute italienische Lokale, in denen man Spaghetti serviert, wie es sich gehört.

Und wenn ich dann am Hundertwasserhaus vorbeigehe, vor dem sich, zu jeder Tag- und Nachtzeit, an jedem Wochen-, und Feiertag, Massen von Japanern, Chinesen, Koreanern, Spaniern, Franzosen, Italiener, Russen, Amerikaner aufhalten, dann weiß ich immer wieder aufs Neue, wie schön es in Wien ist: dass ich dort leben darf, wo andere Urlaub machen.

© Egon Theiner