Glasgow - Istanbul, das ist Brutalität ...

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meine Tochter begann auf dem Rücksitz leise zu schnarchen, während ich mich umso mehr wach halten musste, um uns alle nicht ins Jenseits zu befördern, um wieviel lieber hätte ich mich im Autoreisezug ausgeschlafen als hier über das Lenkrad in die Nacht zu starren.

wir hatten beschlossen, heuer alle Fliegerei zu boykottieren und weder beruflich noch im Urlaub Flüge zu buchen, und wir waren mitten in einem der aussergewöhnlichsten Urlaube die wir je gehabt hatten:

meine Frau hatte versuchsweise alle Tätigkeiten ihrer Steuerberatung, die sie seit ein paar Jahren selbständig betrieb, für die Sommermonate ins Online verlagert, während ich als ehemaliger Lehrer und nun Betriebspsychologe im Juli in Glasgow und im August in Istanbul Dienst tun sollte.

also beschlossen wir, das als Sprachferien für unsere Kinder zu organisieren und reisten zuerst einmal ganz bequem von Venedig mit einem Frachter mit Automitnahme nach Rotterdam und Newcastle, zwei Wochen Ferienbeginn auf einem Schiff rund um Europa.

während unsere Jugend das Ungeheuer von Loch Ness erschrecken und die Überfälle der Wikinger erforschen wollten, pendelten wir Eltern zwischen einem Foreign Home Office und dem Betrieb, in dem ich nun Dienst tun sollte.

danach war, mit einer Woche Abstand, Ähnliches in Istanbul geplant, dort sollte es von Ausgrabungen in Ephesos (dem heutigen Efes bei Izmir) bis zu den Teehäusern am Bosporus ähnlich ablaufen.

mit Fähre und Autoreisezügen Rotterdam-München und Wien-Istanbul klang uns das Vorhaben erholsam und klimafreundlich zugleich, diese Fernzüge hatten ja neuerdings Dusche an Bord (oder gar im Familienabteil?) und wer gern in der Bahn die Landschaft an sich vorüberziehen lässt, kann sich dabei ein paar Tage prächtig ausschlafen und erholen, ohne von GepäckLogistik oder Fahrplänen abhängig zu sein.

allerdings hatten wir nicht damit gerechnet, dass ausgerechnet diese "unsere" Autoreisezüge überraschend eingestellt wurden.

jetzt standen uns 3000km Autobahn mit unserem Hybridkombi bevor, der zwar auch mal ohne Aufladen "konnte" aber weder Rennwagen war noch Dusche hatte.

“Roboter und Elektromotoren ersparen die Hälfte der Umwelt- und Klimaschäden, wenn die Leute BGE Grundeinkommen statt "Job" haben, denn sie brauchen Geld am Konto aber nicht “Arbeit”, die alles kaputt macht und für die ein Roboter einen Bruchteil an Klimaschaden produziert”, hatte meine Tochter gesagt.

was hatte ich da alles überhört? gleich würde sie schimpfen, dass Diskussionen mit mir mangels Zuhören zwecklos sind.

"E-Motoren kommen mit 50 kg aus, wogegen der 1500 PS Bugatti Motor schon 600 kg hat, und Traktoren können elektrisch fahren", gab ich zu, "aber eine Oberleitung über dem Feld ist auch nicht ohne", wendete ich ein.

Batterien, Gewichte und KlimaUnfreundlichkeiten oder die (immer noch) gängige Wasserstoff-Erzeugung aus (!) Erdgas zu erwähnen verkniff ich mir für den Moment, morgen war ja auch noch ein Tag, um darüber zu reden.

© einkleinesgeschichtchen 16.09.2020