Die Hoffnung lebt

  • 152
Die Hoffnung lebt | story.one

Ich kann es nicht verstehen. Ich kann die ganze Welt nicht verstehen. Weder ihr Lächeln noch ihre Tränen. Wo sind die Gedanken die mich gerade noch umarmten? Wo ist die Liebe die mich gerade noch küsste?

Ich sitze im Schatten meiner Seele und beobachte die untergehende Sonne. Ein Lichtstrahl, denke ich mir, wird der Letzte sein. Der Letzte der einen Schatten wirft. Danach, Dunkelheit und Stille. Jedoch nur für einen Augenblick.

Denn es gibt sie nicht, die ewige Stille. Alles bewegt sich. Alles ist Teil einer, sich gegen jeden Widerstand trotzenden, Lawine, die wir das Leben nennen. Die einen lieben es. Die Anderen nehmen es sich. Weil sie es nicht verstehen. Weil ihnen der Sinn dieser Reise für immer verborgen bleibt. Sinnlos einen Schritt nach dem Anderen zu machen, funktioniert nur für jene, die nie an den Übernächsten denken. Menschliche Treibhölzer die dem Flussverlauf ohne Murren folgen, Wasserfälle hinunterstürzen und wieder auftauchen.

Wir, die die denken, fühlen, trauern und lieben. Sind wir verloren? Sind wir geboren um zu leiden?

Ich weine eine Träne. Eine von Millionen. Es wird nicht die Letzte sein. Sie alle münden im Meer der Hoffnung.

Ich sitze im Sand und betrachte die Wellen, die, vom Wind gepeitscht, Richtung Strand rollen. Kurz darauf stehe ich bis zu den Knien im Wasser. Ich lasse mich nach vorne fallen und tauche unter.

Es dauert Sekunden bis ich sehen kann. Ich erkenne ein Licht. Es zieht mich magisch an. Ich kann ihm nicht widerstehen. Gesang kommt von allen Seiten. Noch nie hörte ich schöneres. Ich blicke nach links und rechts. Niemand ist zu sehen. Ich verliere die Kontrolle über meinen Körper und tauche willenlos weiter. Die Angst zu ertrinken verlässt mich. Wie ein Kind im Leib der Mutter weiß ich, dass ich hier her gehöre. Ich fühle mich unendlich geborgen.

Ein Gefühl der Hoffnung streift mein Herz und lässt es pochen. Ein Knistern unter den Rippen verrät mir, alles wird gut.

© Eintagsfliege 01.12.2019