Ein Abend vor der Glotze

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Ein Abend vor der Glotze | story.one

Ich sitze abends vor meiner Glotze. In meiner rechten Hand eine Flasche Bier. Gemütlich lege ich meine Beine auf den Couchtisch. Ich bin glücklich. Vorerst.

Auf allen Kanälen nur Müll. Also zappte ich gelassen durch das Hauptabendprogramm. Heidi Klum`s mit Botox vollgespritzte, faltenfreie, ewig junge Fratze catcht mich. Ein Entkommen ist nicht möglich. Wie hypnotisiert sehe ich zu.

Flache Bäuche, schmale Hüften und dazwischen Werbungen mit blank rasierten Männerbeinen. Das neue Idealbild des Menschen.

Die Zeiten, in denen ein kugelrunder Bauch und kurvige Hüften ein Zeichen des Wohlstands waren, sind vorbei. Fernsehserien wie diese dienen als Treibstoff dieses Fitnesswahns. Wenn die selbsternannte Modellmama minderjährige Mädchen in String Tangas vor der Kamera posieren lässt und wöchentlich einem Teeny die Träume von einer Karriere als Topmodell mit den Worten „Ich habe heute leider kein Foto für dich“ zerstört, fiebern vor den heimischen Bildschirmen Millionen Jugendliche mit.

Um ihren Stars im Fernsehen nachzueifern, hungern sie tagelang, kotzen sich die Seele aus dem Leib oder werfen Abführmittel ein. Man möchte meinen, „In“ ist heutzutage jemand, der von sich selbst behaupten kann an einer Essstörung zu leiden.

Auf sozialen Netzwerken wird mit bis zur Unkenntlichkeit bearbeiteten Fotos, zentimeterdicker Schminke und viel nackter Haut um Likes und Followers gewetteifert. Wer nicht mitmacht der droht ins soziale Abseits zu rutschen. Dort angekommen sind Depressionen und Verstümmelungen des eigenen Körpers nur noch einen Katzensprung weit entfernt. Der goldene Mittelweg verliert immer mehr an Bedeutung und die dadurch entstehende soziale Kluft klafft immer weiter auseinander.

Für viele Heranwachsende wird der Psychiater zum besten Freund und Antidepressiver zum fixen Bestandteil des Tages, in einer Welt, in der Selbstinszenierung und verschobene Ideale zur neuen Norm werden.

Diese sich aufdrängende Problematik sollte schon längst öffentlich debattiert werden. Wo sind die öffentlich rechtlichen Fernsehsender deren Auftrag es wäre diese Themen aufzugreifen? Unsere westliche Welt droht in die Oberflächlichkeit abzudriften.

Selbst in der Politik scheint sich dieser Trend durchzusetzen. Populisten spielen geschickt mit den Emotionen ihrer Landsleute und gehen somit jeder handfesten Diskussion aus dem Weg. Wahre Werte suchen wir vergebens.

Der Einheitsbrei wird zur Hauptmahlzeit einer Gesellschaft in der Individualismus immer mehr zum Auslaufmodell wird.

Nach einer halben Ewigkeit hat das grauen ein Ende. Mein bis zur Hälfte ausgetrunkenes Bier hat Zimmertemperatur erreicht. Der Appetit ist mir vergangen. Dabei wollte ich doch bloß einen gemütlichen Abend auf der Couch verbringen.

© Eintagsfliege 01.12.2019