Von Fremden und Freunden

Fremdes lässt uns misstrauisch sein. Es lähmt uns in unserer Herzlichkeit. Fremdes lässt uns den Blick abwenden, macht uns kalt. Fremdes kann uns selbst entfremden. Uns zu Menschen werden lassen, die wir nie sein wollten. Alles nur weil wir Angst haben. Doch geben wir dem Neuen, Anderen, die Möglichkeit sich zu entfalten, entdecken wir erst die wahre Schönheit die sich dahinter verbirgt.

Diese Geschichte erzählt mein erstes Treffen mit Fremden die zu Freunden wurden.

Eines Tages rief uns meine Schwiegermutter an und erzählte uns ohne weitere Umschweife, sie hätte syrische Männer zu sich nach Hause eingeladen. Kennengelernt, erklärte sie, habe sie die Beiden im Deutschunterricht, den sie für Flüchtlinge gab. Sie fragte uns ob wir die Zwei nicht auch gerne kennenlernen möchten. Ohne zu zögern sagten wir zu.

Doch dann kamen uns erste Zweifel. Ob es wohl eine gute Idee sei fremde Männer, Ausländer, in die eigenen vier Wände einzuladen. Ich selbst war so erzogen worden, Menschen nicht nach ihrer Herkunft zu beurteilen. Mir erst selbst ein Bild zu machen. Erst dann zu urteilen. Trotzdem hatte ich diesen Gedanken. Ich schäme mich heute nicht dafür so gedacht zu haben. Ich denke es wäre vielen nicht anders ergangen.

Zwei Tage später war es also soweit. Nervös und angespannt standen wir gerade im Wohnzimmer, als es an der Tür läutete. Wir öffneten und vor uns standen ein groß gewachsener und ein etwas kleinerer dunkelhaariger Mann. Beide lächelten etwas schüchtern und begrüßten uns mit den Worten: „Challoo. Wie geht?“ In der Hand hielten sie ein Backblech und einen großen Kochtopf. Später erklärten sie, es gehöre bei ihnen zu Hause zum guten Ton, Essen mitzubringen. Als ich die Beiden da so stehen sah, wusste ich, dass wir nichts zu befürchten hatten.

In mehr oder weniger gutem Deutsch unterhielten wir uns über ihre Geschichte. Über ihren Weg den sie gehen mussten und die Qualen die sie dabei durchmachten. Sie schilderten unvorstellbare Szenen von Bombenangriffen und lebensgefährlichen Situationen auf der Überfahrt. Auf meine Frage wie es um ihre Familien stehe, senkten sie beide den Kopf. Tränen standen in ihren Augen. Sie lebten, hatten aber seit über zwei Jahren nur hin und wieder telefonisch Kontakt zu ihnen gehabt. Der Eine drei, der Andere vier Kinder. Beide verheiratet. Welch Schmerz muss es sein, auf unbestimmte Zeit Abschied von seiner Familie zu nehmen. Nicht wissend ob es je ein Wiedersehen geben wird.

Ein ganzes Jahr nach unserem ersten Treffen, landete ein Flugzeug am Wiener Flughafen und brachte die erste Familie. Wieder ein ganzes Jahr später wurde dann endlich die zweite Familie eingeflogen.

Es entstanden Freundschaften die ein Leben lang halten werden, trotz kultureller und religiöser Unterscheide.

Geben wir doch jenen Unbekannten, Neuen, Fremden die Gelegenheit sich zu entfalten und wir werden sehen, hinter jedem Vorurteil verbirgt sich ein Mensch der es verdient geliebt zu werden.

© Eintagsfliege