Er ist weg.

«Der Test ist übrigens positiv.»

Mit diesen Worten verlässt die Arzthelferin das Zimmer. Ich stehe da wie versteinert. Bitte was? Wie kann das sein? Rein biologisch ist das doch eigentlich gar nicht möglich? Offensichtlich aber schon.

Wie konnte ich das nicht bemerken? Außerdem will ich mich gerade von diesem Mann trennen. Von der Ärztin, die mittlerweile das Zimmer betreten hat, ist keine große Hilfe zu erwarten. Sie sieht meine Verzweiflung, sagt aber lediglich: «Es ist ja noch früh, das können Sie sich auch noch anders überlegen.» Herzlichen Dank auch.

Ich verlasse die Praxis. Laufe wie in Trance die Straße entlang. Im Gleichklang mit den Tränen, die über meine Wangen kullern. Das Timing könnte nicht ungünstiger sein. Aber ist das wirklich so? Gibt es ihn überhaupt, den perfekten Zeitpunkt für ein Kind? Habe ich nicht sogar selbst immer gesagt, dass mir ein Kind passieren müsse, da ich wohl nie aktiv die Entscheidung dafür treffen könne? Diese Entscheidung wurde mir nun abgenommen. Herzlichen Glückwunsch Elena! Was mache ich nur? Keine Ahnung, wie das alles funktionieren soll und kann. Aber eines steht fest: Egal wie, ich bekomme ein Baby!

Purzel ist weg.

Ich stehe im grellen Neonlicht des Wartezimmers. Außen wie innen – gähnende Leere. Mein Baby ist weg. Nun hat sich bestätigt, was ich eigentlich schon seit letzter Nacht weiß, aber nicht wahr haben will. Ich wache mit heftigen Krämpfen auf, gehe ins Bad und rede mir ein, dass das Bluten normal sei. Viel Blut. Ich sehe darüber hinweg und lege mich wieder leise ins Bett. Ich will niemanden wecken. Außerdem wollen wir morgen zu meiner Familie fahren, dort Silvester und den Geburtstag meiner Mutter feiern. Nein, es ist sicherlich alles in Ordnung.

Die Autofahrt ist die Hölle. Ich lasse mir nichts anmerken, mache gute Miene zum bösen Spiel. Es soll niemand auf die Idee kommen, dass etwas nicht in Ordnung sei. Bis zum nächsten Morgen gelingt es mir, diese Farce aufrecht zu erhalten. Aber als weder die Schmerzen noch die Blutung aufhören, lasse ich doch mal vorsichtig verlauten: Ich blute.

Die Aufregung ist sofort groß, ab ins Krankenhaus. Richtig, genau deshalb hatte ich versucht mein «Ich tue einfach als wäre alles ok Spiel» so lange es ging aufrecht zu erhalten. Manche Wahrheiten tun einfach zu weh, um sie gegen die schöneren Illusionen einzutauschen. Gerade habe ich mir den Traum vom trauten Familienleben zurecht geträumt – ob nun mit oder ohne Papa – aber auf jeden Fall mit Purzel und mir. Nein, ich bin nicht bereit aufzuwachen. Aber auch diese Entscheidung wird mir abgenommen. Purzel hat bereits entschieden, sich ebenso unverhofft zu verabschieden, wie er vor ein paar Wochen in mein Leben getreten ist.

Er ist weg.

© Elena Theis