Purzel ist weg, die Frage bleibt.

Mittlerweile machen sich auch die Ärzte ernsthafte Sorgen um mich. Körperlich habe ich alles gut verkraftet, aber meine Seele blutet noch immer. «Frau Theis, Sie brauchen Hilfe. Bitte lassen Sie sich helfen.» Hilfe? Ich? Wer soll mir denn bitte helfen? Ich gehe erst einmal in Abwehrhaltung. Schließlich habe ich gerade ein Kind verloren. Schreien, Wutausbrüche, grundloses Weinen, nicht arbeiten gehen, all das ist in meiner Opferzone erlaubt, no excuses necessary. Ob mir genau das auf einmal im Sprechzimmer klar wird, kann ich heute nicht mehr beurteilen. Aber nach kurzem Protest und einem letzten Aufbäumen höre ich mich auf einmal sagen: «Ich weiß.»

«Mama, es tut mir leid, dass du so traurig bist. Mir geht es gut. Wirklich. Mache dir keine Sorgen um mich. Ich hatte eine Aufgabe, deshalb musste ich gehen, auch wenn dich das jetzt traurig macht. Meine Aufgabe bestand darin, dir zu zeigen, was es bedeutet, bedingungslos zu lieben. Ich habe sie erfüllt.»

Diese Botschaft erreicht mich aus einer anderen Ebene an einem sonnigen Wintertag am Rhein. Das ist der Wendepunkt. Ja, meine Seele blutet noch immer und ja, der Schmerz ist noch immer unerträglich. Aber ich beschließe nicht länger darin zu ertrinken. Stattdessen treffe ich hier und jetzt eine klare Entscheidung für das Leben! Das bin ich mir und meinem Baby schuldig.

Acht Monate lang arbeite ich mit einer Psychologin, trenne mich schnell vom Erzeuger meines Kindes, arbeite Themen aus der Vergangenheit auf und fange endlich wieder an, mich und das Leben zu spüren. Ich habe einen gut bezahlten Job bei einem angesagten Start-Up, eine schöne Wohnung, gute Freunde, eine tolle Familie und verliebe mich bald über beide Ohren. Auf dem Papier ist alles perfekt. Das Leben geht seinen Gang und hat endlich wieder einen Sinn. Aber welchen eigentlich? Immer wieder kehrt genau diese Frage zu mir zurück. Eine Antwort darauf ist nicht in Sicht. Dafür bin ich mittlerweile gut darin, die Frage einfach beiseite zu schieben; tue als höre ich sie nicht und mache stattdessen weiter wie bisher. Irgendwann geht sie bestimmt von alleine, wenn ich sie nur lange genug ignoriere. Glaube ich.

Purzel ist weg, die Frage bleibt.

© Elena Theis