Purzel

Ich bin gefangen zwischen Selbstmitleid und Schmerz, Wut und Hass. Die meiste Zeit verbringe ich weinend im Bett. Oder weinend auf der Couch. Oder weinend irgendwo anders.

Von außen lasse ich niemanden an mich heran. Familie und Freunde bemühen sich, aber ich mache dicht. Ich will nur eines: mein Baby zurück. Aber Purzel kommt nicht zurück. Er ist weg.

Ich falle in ein tiefes Loch. Selbsthass, Trauer und Verzweiflung wechseln sich ab. Immer wieder stelle ich mir eine einzige Frage, auf die ich wohl nie eine Antwort bekommen werde: Warum? Andere Frauen bekommen Kinder wie am Fließband, kümmern sich dabei wenig um ihre eigene Gesundheit, geschweige denn um die ihres Kindes, und es geht alles gut. Und ich? Seit ich von meiner Schwangerschaft erfuhr, habe ich alles Erdenkliche getan, um für mein Baby und für mich gut zu sorgen. Aber mein Baby darf nicht auf die Welt kommen. Nie werde ich dieses kleine Wesen in meinen Armen halten, das im Sturm mein Herz eroberte, obwohl es nur ein paar Millimeter groß war. Nie werde ich ihm diese wundervolle Welt zeigen können. Aber ist diese Welt denn wirklich so wundervoll, wenn sie so etwas zulässt?

So gehen die Wochen ins Land. Ich sehe aus wie ein Häufchen Elend, an Arbeit ist nicht zu denken und auch sonst zieht das Leben an mir vorbei. Ich bin mit dem Tod beschäftigt. Meine Trauer und noch viel mehr mein Selbsthass fressen mich langsam, aber sicher auf.

Was bist du nur für eine Frau, die es nicht mal schafft, ein Kind auf die Welt zu bringen? Dieser Gedanke geht mir tatsächlich in Dauerschleife durch den Kopf. Wenig produktiv, wie ich heute weiß, aber damals ist genau das meine Gedankenwelt. Ich friste mein Dasein zwischen den Welten. Was soll ich hier denn überhaupt noch? Vor meiner Schwangerschaft war mein Leben ausgefüllt, so dachte ich zumindest. Nun macht auf einmal alles keinen Sinn mehr. Ich will mein Baby zurück. Aber Purzel kommt nicht zurück. 
Er ist weg.

In meiner Verzweiflung klammere ich mich an Dinge im Außen, vor allem an ein Kuscheltier, das meine Oma schon für den Kleinen gekauft hatte. Es begleitet mich auf Schritt und Tritt. Ich bewege mich in einer gefährlichen Zone, das ist mir bewusst. Eine Zone, von der ich nie für möglich gehalten hatte, dass ich sie jemals betreten würde. Ich, die lebenslustige Optimistin, die nichts, aber auch gar nichts aus der Bahn wirft. Die lebenslustige Optimistin liegt am Boden. Ich gehe durch die Hölle.

Meine ohnehin schon desolate Beziehung wird täglich für alle Beteiligten noch schmerzhafter. Meine Familie versucht alles, weiß aber nicht mehr ein noch aus. Einige Freunde ziehen sich aus Hilflosigkeit zurück, andere sind unermüdlich an meiner Seite, manche wissen bis heute nichts von all dem...

© Elena Theis