Ausbruch

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Ausbruch | story.one

Endlich nahm ich allen Mut zusammen und erzählte von meiner Situation, ich redete und redete, es sprudelte aus mir heraus, ich weinte, ich klagte, ich verzweifelte und doch erleichterte es mich, reden zu können. Den ganzen Schmerz raus- und loslassen zu können. Diesen unglaublich großen Berg an aufgestauten Emotionen und Gedanken freien Lauf zu lassen und es tat so gut, es, so unheimlich gut. So lange hatte ich gezögert, mich zu öffnen, so lange geschwiegen.

Die Antwort war barsch und klar, wenig hilfreich und verwies mich erneut in meine Schranken, in eine Ecke, machte mich klein und handlungsunfähig. Die Antwort war und blieb dieselbe, immer orientiert an der Lösung des Problems, immer zielstrebig nach vorne schauend, mich aus der Situation zu bringen. Aber das war nicht mein Weg. Das hatte ich von Anfang an betont. Diesen Weg wollte ich nicht gehen. Noch nicht. Ich sah es nicht als meine Lösung an.

Und so wurde ich Stück für Stück in jedem Gespräch mehr und mehr in eine Richtung geschoben, in die ich nicht wollte. Ich wurde zum Schweigen gebracht, ich fühlte mich bedroht und meine Möglichkeit zu reden wurde beschnitten. Ich wurde stiller und stiller und fühlte mich in eine Einsamkeit gestellt, die weit über Isolation hinaus ging. Verzweifelt suchte ich nach einem Weg, weiter reden zu können, weiter meine Gefühle und Gedanken loswerden zu dürfen, ich suchte diesen sicheren Ort, diesen Hafen, diesen einen Menschen, der mich über die Brücke begleiten und verstehen würde, dass ich noch nicht bereit war, die Seite zu wechseln, dass ich Hilfe brauchte, um auf dieser Seite meinen eigenen Weg zu finden. Mir war bewusst, dass man sich Sorgen machte, mir war klar, woher dieses starke Drängen nach einer Lösung kam, mir war damit aber nicht geholfen.

Es fühlte sich an, als würde ich nochmal zum Schweigen gebracht werden. Als würde man mich in einen dunklen, kahlen, nackten, fensterlosen Raum werfen, mit einer kleinen Luke, einsam und allein. Jeder Gedanke in mir, jeder Schmerz und jede Emotion hallte doppelt so laut nach und fügte mir neue Schmerzen zu. Ich saß in diesem Raum, gefangen.

Es gab nur noch einen Weg für mich. Ich musste mich selbst befreien, weiter die Stille ertragen und eines Tages werde ich für all die Frauen einstehen, denen es geht wie mir: für die kein Ohr mehr übrig ist, kein Verständnis, nur Lösungen, kein Aus- und Durchhalten und kein Abwarten, bis sie selbst so weit sind. Die einsam und stillschweigend ihren Schmerz tragen müssen, für diese Frauen werde ich da sein und sie aus ihrem Gefängnis befreien.

© Elena 05.04.2020