Ankommen

Auf der Suche nach einer Sprecherausbildung melde ich mich für die einwöchige Radio & Synchronsprechen Sommerakademie an. Weil mir meine Muttersprache am Herzen liegt, ich gerne mit Texten und Literatur zu tun habe. Und mit meiner Stimme arbeiten möchte. Dazu Techniken des Sprechens kennenlernen will.

Meine große Tochter wird sich um ihren kleinen Bruder, Hund, Kater und Garten kümmern. Und ich soll bitte nicht jeden Tag anrufen! Das fällt mir schwer. Aber, wird schon alles gut gehen. Ohne mich. Ich nehme mir vor, das Rauchen einzuschränken. Täte meiner Stimme gut. Während der Autofahrt brauche ich aber eine halbe Packung Zigaretten. Was erwartet mich? Worauf lasse ich mich da ein?

In Deutschlandsberg biege ich mehrmals falsch ab. Endlich bin am Ziel. Parke ein. Steige verschwitzt aus. Und muss mich mal durchstrecken. Daheim teile ich kurz mit, dass ich gut angekommen bin. Ich mache mich auf den Weg zum Einchecken. Vor dem Hoteleingang begrüßt mich ein freundliches, gut gelauntes Trainerteam. Ich stelle mich kurz vor. Die Namen der Trainer kann ich mir nicht gleich merken. Einige Teilnehmer werden am Bahnhof oder Flughafen abgeholt. Tim - oder doch Manuel – will ein Foto von mir machen. Na bravo. Zumindest sind meine duschnassen Haare während der Fahrt getrocknet.

Ich erhalte ein Namensschild, eine Mappe mit karierten Blättern, den Kursplan. Dazu ein Übungsbuch für das Modul „Sprechtechnik“, das ich zusätzlich gebucht habe. Eine Schilcherland-Mappe mit Prospekten, Stadtplan, Kulinarik- und Ausflug-Tipps rund um den Schilcherberg. Wird denn Zeit sein, etwas zu unternehmen? Bei dem vollen Stundenplan? Und ich bin ja hier, um zu lernen. Jetzt kriege ich noch ein graues T-Shirt mit dem NJoy Radio Logo in weißer Schrift. Cool!

An der Rezeption erhalte ich den Schlüssel. Bringe zuerst mein Gepäck in das Nebengebäude, wo mein Zimmer liegt. Danach bezahle ich gleich. Mein Zimmer ist hell und es gibt eine kleine Terrasse, auf der ich jetzt mal rauche. Und da tauchen erste Unsicherheiten auf, machen mich angreifbar, verletzbar. „Ich bin noch nicht ganz hier oder doch? Doch, ich bin da! Mit schwerem Gepäck − mit allem, was mich ausmacht, was ich in mir mittrage.“ Komisch, denn Dolf, unser Cheftrainer wird mir einige Tage später sagen, dass er bei meiner Ankunft das Gefühl hatte, dass ich eine sehr selbstbewusste Frau sei.

Ich muss raus! Um mich zu beruhigen und einzufinden. Gehe die Straße den Schilcherberg hinauf, am Weinberg entlang. Höre einen Bach rauschen und stelle fest, dass dies ein Ort ist, an dem ich mich doch sehr wohl fühlen kann. Leicht außer Atem vom bergan gehen und dem Blick auf die eindrucksvolle Burg Deutschlandsberg kehre ich um. Finde einen Weg hinter dem Hotel, der zu einer Holzbank am Waldrand führt. Ich setze mich hin und atme tief ein. Nehme nochmals die Umgebung in mich auf, lade ab und mache Platz für die neuen Eindrücke.

Nun habe ich Durst bekommen und bestelle mir an der Hotelbar einen G’spritztn.

© Elis-Katha