Danke, Leben!

Nun habe ich genug von Dir. Genug erlebt. Nein, ich bin nicht undankbar für das geschenkte Leben. Doch es ist ein Geschenk, das ich nun eben verschenke. Zu viel Liebe zwischen zwei Erwachsenen, die zu wenig Acht gaben. Und ich war passiert. Als Tochter eines vermeintlichen Vaters. Vom Mann meiner Mutter in späteren Jahren mehr begehrt als beliebt. Als Kind kein Entkommen vor häuslicher Gewalt und Alkoholexzessen. Eine, damals in meinen Augen, schwache Mutter, die sich nicht helfen lassen wollte. Mir von Stürzen erzählte, obwohl ich die Schreie selber gehört hatte. Trotzdem nannte sie ihn beim Kosenamen. Abhängigkeit. Auch eine Form von Liebe.

In meiner Jugendzeit tritt mein Vater in dieses Leben, das ich nach außen hin verstecke. Aus Scham. Und Enttäuschung, weil uns keiner hilft. Es ist doch nicht zu überhören, nicht zu übersehen. Mit Vater fremdle ich anfangs. Wir bräuchten mehr Zeit. Ich denke daran, auszuziehen. Hier hält mich nichts mehr. Sobald ich mein eigenes Geld verdiene, bin ich weg. Mein erstes Möbel ist eine Couch, die sich zum Bett umfunktionieren lässt. Und ich kaufe mir einen Plattenspieler der Marke Schneider. Musik bleibt immer wichtig für mich.

Mein Freund hilft mir beim Umzug. Noch leben wir unbekümmert. Nach relativ kurzer Zeit wird Kummer unser Begleiter. Dennoch werden wir Mann und Frau. Ihm ist es nie genug. Nie genug Liebe. Nie genug Leben. Obwohl er meine Liebe anfangs nicht erträgt, weil sie ihm zuviel ist. So fordert er sie später ständig ein, weil sie ihm zu wenig ist. Doch verdanke ich meinem Mann die glücklichsten Momente meines Frauseins. Die Geburt unserer Kinder. Dieses Übermaß an Freude, Innigkeit, Verbundenheit und Erfüllung als Mutter konnte später nichts mehr aufwiegen. Die Liebe zwischen Erwachsenen will ich vergessen. Es scheint sie nicht zu geben. Ich spüre nichts davon. Oder ist sie verkümmert?

Mein Vater erscheint nur manchmal. Er hat seine eigene Familie. Stolz sei er auf mich. Danke, Vater! Aber warum lässt Du Deine einzige Tochter so allein? Hast auch als Opa keine Zeit für meine Kinder. Die Deine Enkel sind! Stolz bist Du auf sie. Danke! Ich hätte Dich schon gebraucht. Habe Dich, ehrlich gesagt, vermisst, Papa! Traurig, bei Deinem Begräbnis wie eine Fremde neben Deiner Familie zu stehen. Froh bin ich, dass ich im Krankenhaus war. In deinen letzten Tagen bei Dir sein durfte. Du brauchtest meine Nähe. Damals. Unsere Liebe füreinander war spürbar. Weil Du bald gehen musstest.

Bald nach Dir verließ mich mein Mann. Aus freiem Willen. Für manche wie aus heiterem Himmel. Für ihn jedoch war es schon lange nicht mehr heiter gewesen. Kaum zu begreifen. Vom Gefühl her. Obwohl ich ihn verstand. Immer bemüht war, ihn zu verstehen. Noch zu seinen Lebzeiten hatten wir uns voneinander verabschiedet. Irgendwie. Unsere Form der Liebe. Für Außenstehende vermutlich nicht nachvollziehbar.

Und heute? Werde ich bedingungslos geliebt. Danke, Leben! Für dieses Geschenk.

© Elis-Katha