Drei bis vier Minuten

"Mama!? Muss ich mir Sorgen machen?"

"Nein, nein! Komm rein. Geht schon wieder." Es hatte geklingelt und ich meiner Tochter die Haustüre geöffnet. Sie kam von der Schule. Ich stand wohl etwas gekrümmt vor ihr. Stöhnte ein wenig. Um dem Schmerz nachzugeben. Na ja. Der Geburtstermin unseres Nachzüglers rückte näher. Heute zog dieses Kind den ganzen Tag über ein wenig nach unten. Ich war mir nicht ganz sicher, ob es bald so weit sein würde.

Gibt's das, dass man nach so vielen Jahren vergisst, wie sich Wehen anfühlen? Oder hält man einfach mehr aus? 13 Jahre waren vergangen. Seit meinem zweiten Kind.

Die letzten beiden Wochen war ich am Putzen. Wie eine Wilde. Das ganze Haus sollte sauber sein. Die Tasche für's Krankenhaus war längst gepackt. Heute Vormittag hatte ich mir noch die Küchenkasteln vorgenommen. Beim Vorratsschrank angelangt, merkte ich, dass ein wenig Fruchtwasser abging. Nicht so viel, dass ich Angst bekam. Ich musste aber Pausen einlegen. Und stützte mich immer wieder ab. Ging auch mal in die Knie. Dann kochte ich. Später kam mein Sohn nachhause.

Und ich lag auf der Couch. Seitlich, die Beine angezogen. Zog die Luft tief ein. Ließ sie wieder ausströmen. "Willst du nicht den Papa anrufen?" Meine beiden Großen saßen mir gegenüber. Sahen mich an. Besorgt und nervös. "Nein, ich warte noch. Bis er mit der Arbeit fertig ist." Die Krämpfe kamen nun regelmäßiger. In immer kürzeren Abständen. Ich entschied mich dann doch, meinem Mann Bescheid zu geben. Er war ziemlich schnell da und wir machten uns auf den Weg zum Auto. Dabei sah uns meine Nachbarin und fragte: "Ist es jetzt soweit?"

"Ich glaube schon, die Wehen kommen so alle drei bis vier Minuten." War meine Antwort. "Na, dann aber schleunigst ins Krankenhaus!" Fand sie. Und wir starteten die Fahrt mitten in den Berufsverkehr hinein. Kurz nach halb fünf. Ich war so froh, als wir im Krankenhaus ankamen. Wurde gleich an den Wehenschreiber angeschlossen. "Na, das wird nicht mehr lange dauern." Meinte die Hebamme. Ich hatte auch das Gefühl. Außerdem war mein Muttermund schon über sechs Zentimeter offen. Ich zog mich aus bzw. um und wurde in einen Entbindungsraum gebracht.

Erst mal war ich allein. Mein Mann hatte nicht gewartet. Sondern war auf dem Weg in sein Stamm-Wirtshaus. Er wollte nicht bei der Geburt dabei sein. Wie bei den ersten beiden Kindern auch. Und dann konnte ich mich nicht mehr zurückhalten, rief nach der Hebamme. Die Presswehen hatten begonnen. Ich lag seitlich. Auf den Rücken drehen war mir nicht mehr möglich. Ich weiß nur noch, dass zwei Frauen da waren. Die mir halfen, mich begleiteten. Und mein Kind zum Glück aufgefangen haben. Denn bei diesem Jungen ging es so schnell. Dass ich das Gefühl hatte, er würde rausflutschen.

Und dann lag mein Sohn auf mir, noch verbunden mit der Nabelschnur. Und wie schon bei seinen Geschwistern war ich überwältigt vom Wunder der Geburt. Weinte vor Demut und Dankbarkeit. Und rief den Papa an. Der vor drei bis vier Minuten sein Bier bestellt hatte.

© Elis-Katha