Drei-Wort-Geschichten

Meine ersten beiden Kinder waren noch klein. Die Zeit des Schlafengehens wurde bei uns die Zeit des Vorlesens. Gute-Nacht-Geschichten aus sämtlichen Kinderbuchklassikern, Märchen- und Sagenbüchern. Im Laufe der Jahre ist es zu einer beachtlichen Kinderbibliothek gekommen. Einige Bücher wurden von Onkel und Tante an meine Kinder weitergegeben. Viele Neue kamen dazu.

Bis heute erstaunt es mich immer wieder, wie wunderbar Kinderbuch-Autoren die jüngsten und jungen Menschen in die Fantasie mitnehmen. Oder in Welten, die so echt und greifbar, begreifbar sind. Welten, in denen man für kurze Zeit förmlich mitlebt.

Das Vorlesen war meistens dann zu Ende, wenn ich selbst als Erste wegschlief. Mir das Buch aus den Händen rutschte. Kurz davor fing ich an, die Zeilen und Wörter zu vertauschen. Sätze mehrmals zu wiederholen.

Ihr jüngerer Bruder hat fast alle ihrer Bücher übernommen und ich bringe es nicht über's Herz, eines wegzugeben. Manchmal wollte mein Jüngster keine vorgelesene Geschichte hören. Sondern eine gerade eben erfundene. Wir machten ein Spiel daraus. Ich forderte ihn auf:"Gut. Gib mir drei Wörter!" Wenn dann aus seinem Mund "Hütte, Wald und Bär" kam, musste ich in mich grinsen. Weil ich wußte, was er dann ungefähr hören wollte. Bei solchen Wörtern sieht man die Geschichte ja direkt vor sich.

Dass es einen riesigen Wald gibt, in dem tief drinnen zwischen zwei großen Tannenbäumen eine Blockhütte steht. In dieser wohnt der Förster Johann mit seinem Hund Benno. Und so weiter ...

Und: Man durfte noch aussuchen, ob es gruselig, zum Lachen oder auch traurig sein sollte. Letzteres kam eher selten vor. Die Wörter mussten nicht unbedingt zusammenpassen. Viel lustiger war nämlich, wenn es drei waren, die überhaupt nichts miteinander zu tun hatten. Zum Beispiel: Banane, Wal und Kran. Da wurde es schon ein bisschen schwieriger mit dem Erzählen. Und die Geschichten dann auch länger. Denn es dauert eben ein Weilchen, bis Banane und Wal zusammentreffen.

Ich beschrieb ein Frachtschiff. Das auf dem Weg über das Meer nach Europa ist. Um Kisten voller Bananen hierher zu bringen. Dass in einem Hafen Kräne gebraucht werden, um die Transportschiffe zu entladen. Nun verlor unser Schiff aber einige Kisten. Ein Matrose hatte die Luke nicht fest genug geschlossen. Die Kisten aus Holz schwammen nun samt Inhalt im Meer. Durch das Hüpfen auf den Wellen verschoben sich die Deckel. So trug der Wind den Geruch der Bananen mit sich. Da Fische und Wale nicht alle Tage Bananen riechen konnten,wurden sie neugierig. Und schwammen dem Duft entgegen. Und so weiter ...

Übrigens probierten wir dieses Drei-Worte-Geschichten-Spiel auch umgekehrt aus. Und ich gab dann die Wörter vor. Das konnte dann auch mal eine Kombination mit "Fledermaus, Klopapier und Autoreifen" oder "Apfelbaum, Luftmatratze und Schlitten" sein. Mit Kindern im frühen Volksschulalter klappt das prima.

© Elis-Katha