Fürchte dich nicht!

Vor dem, was Menschen dir erzählen. Und glaub nicht alles.

Anruf bei der Verwaltung: "DER KANGAL IST WIEDER DA!" Immer, wenn vom Kangal die Rede war, war Angst mit dabei. Vor einem riesigen, gefährlichen Hund, der andere schon gebissen hatte. Aggressiv war. Wie sein Besitzer.

Man wollte weder Hund noch Halter weiterhin auf der Hundewiese haben. Das hörte ich aus Gesprächen, wenn ich mit meiner jungen Hündin dort war. Damals wusste ich nicht, vor wem oder was genau ich mich fürchten sollte.

Die Meinungen unter den Hundebesitzern waren geteilt. Die einen sagten, dass der Kangal nur bestimmte Hunderassen angriff. Junge Hunde waren gefährdet und Kleine. Ein Herdenschutzhund hatte nichts auf der Hundewiese verloren.

Dann gab es die anderen, die durchaus Verständnis für Herrn J. und seinen Hund aufbrachten. Die bisher in keinen Konflikt geraten waren. Sich nicht vom Gerede anderer bange machen ließen. Und wo sollte Herr J. denn sonst hin? Er trug eine Prothese. Hatte es ohnehin schwer, sich vorwärts zu bewegen. Mit dem Hund Gassi zu gehen. Deshalb ließ er ihn oft hinter seinem Auto herlaufen. Auf Forststraßen.

Auf der Hundewiese humpelte Herr J. den Hügel hinauf zu einer Bank, die dort oben, fast am Ende der Einzäunung, stand. Um sich darauf für ein bis zwei Stunden niederzulassen. Dabei seinen Hund im Auge zu behalten. Und der Kangal behielt alles im Auge, was sich bewegte. Eigenständig, wie Herdenschutzhunde nun mal agieren, hielt er auf Abstand, was sich in die Nähe seines Herrn begab. Und der Abstand musste ziemlich groß sein.

Herr J. pfiff und rief den Hund immer wieder zu sich. Natürlich war er in kritischen Momenten nicht in der Lage, einzugreifen. Weil er mit der Prothese zu langsam war, um an Ort und Stelle, an der Seite seines Hundes, zu sein. Und es war schon auch so, dass er Leute anpöbelte, die sich bei ihm beklagten. Das machte den Umgang miteinander schwierig.

Es hagelte Beschwerden bei der Verwaltung. Die reagieren musste. Schließlich zahlten die Hundehalter Jahresbeiträge, um die Hundewiese zu besuchen. Wollten angstfrei hier sein. Herr J. durfte nur mehr Abends kommen. Wenn wenig los war. Kurz vorm Finsterwerden.

An so einem Abend lernte ich die zwei kennen. Ging Richtung Bank. Um mir selbst ein Bild zu machen. Wer sie wirklich waren. Ich beobachtete meine Hündin. Wollte sie keineswegs in Gefahr bringen. Und ihr Verhalten würde mir helfen, mich richtig zu verhalten. Sie zeigte keine Angst. War neugierig, so wie ich.

Ich fragte Herrn J., ob ich näher kommen dürfe. Sein Hund kam auf mich zu. Schnupperte an mir. Er mochte Menschen. Meiner Hündin tat er nichts zuleide. Sie blieb in respektvollem Abstand sitzen. Herr J. freute sich, dass ich mich zu ihm traute, mich interessierte. Und erzählte mir.

Von seinem Beruf als Buchbinder, seinem Unfall, seinem Sohn. Und der Kangal in Wahrheit ein "Akbash" war. Ihm als "Golden Retriever"-Welpe angedreht. Er liebte seinen Hund. Mochte Menschen weniger.

Und bekam Hundenwiesenverbot.

© Elis-Katha