Im Tiefschlaf

Ins Vergessen tauchen. Nicht mehr denken müssen. Den Körper ruhen lassen. Illusion. Was für ein Geschenk! Zwangsweise.

Heute Nachmittag, wir waren mit den Hunden im Wald unterwegs, kam ein Anruf. Nicht immer habe ich mein Handy dabei. An diesem Tag schon. Ein Kollege meines Sohnes. Wir kannten uns noch nicht. Ich nahm nur Worte wie Unfall, Auto, Notarzt, Augenflackern und Kopf wahr. Er würde sich wieder melden, wenn er genaueres erfahren hatte. Wie betäubt war ich stehen geblieben, spürte eine große Traurigkeit und zugleich mein Urvertrauen in mir aufsteigen. "Halt durch, Michael!", flüsterte ich. "Bitte!"

Ich blickte meinen Lebensgefährten an, der mich in den Arm nahm. "Er hatte einen Unfall. Es hört sich nicht gut an. Mehr weiß ich noch nicht." Der Wald beruhigte mich, schützte mich vor einer Verzweiflung, die niemanden geholfen hätte. Und ich durfte in ihm weinen. Wir nahmen diese Stille auf den Weg mit nachhause.

Der zweite Anruf kam: Schädelfraktur, Gehirnblutung, Rettung bereits auf dem Weg vom Krankenhaus in Grieskirchen zur Spezialklinik nach Linz. Dort sollte mein Sohn noch heute operiert werden. Mehr konnte mir sein Kollege nicht sagen, denn er bekam keine weiteren Auskünfte. Dass die letzten Worte meines Sohnes die Frage nach der Arbeit waren, bevor er abtransportiert wurde, trieben auch seinem Kollegen die Tränen in die Augen. Michael war die Schwere seiner Verletzung nicht bewußt.

Sein junges Leben lang, er war jetzt 27 Jahre alt, hatte sich sein Fokus stets auf die Arbeit gerichtet. Er war mit Leib und Seele Bierbrauer. Hatte kein Hobby, denn seine wenige freie Zeit war der Brauerei gewidmet. Wo er seit mehr als einem Jahr als Braumeister tätig war. Und er nahm diese Verantwortung sehr ernst. So ernst, dass man manchmal direkt Angst bekam. Wie besessen erschien er uns, weil er alles richtig machen wollte, alles schaffen wollte. Dabei war er schon länger überreizt. Schlaf fehlte ihm, zum Essen nahm er sich kaum noch Zeit. Doch er ließ sich nicht bremsen, trieb sich selber immer weiter an.

Ich telefonierte über eine Dreiviertelstunde lang alle möglichen Kontakte durch, aber mein Sohn war nirgends zu finden. Irgendwann leitete mich ein beherzter Mitarbeiter der Rettungsstation direkt zum Notarzt durch. Sie waren noch im Rettungswagen unterwegs. Deshalb war sein Name bisher nicht in der Aufnahme erschienen. Ich musste warten. Geduldig sein. Und hoffen.

Das spätere Gespräch mit dem Chirurgen brachte etwas Klarheit. Das Hämatom im Kopf war seiner Ansicht nach akut, durch die Schädelfraktur beim Aufprall, entstanden. Denn das Blut war ganz frisch gewesen. Michael hatte die OP soweit gut überstanden. Es blieb nun abzuwarten, ob er von selber erwachte und welche Folgen der Unfall mit sich brachte. Ich ging erst schlafen, als ich vom Pfleger der Intensivstation die Botschaft erhielt, dass Michel kurz aufgewacht und ansprechbar gewesen war.

Am nächsten Tag machte ich mich mit seiner Schwester auf den Weg zu ihm.

© Elis-Katha