In Worte fassen

statt an den Händen. Nicht jeder verträgt diese Nähe. Von Gefühlen, die ausbrechen könnten. Buchstäblich festgehalten auf Papier kann man sie jederzeit weglegen.

Darum schreibe ich. Und um zu verstehen. Verstehen zu lernen. Meine Therapeutin wollte so eine Art Lebensplan mit mir erstellen. Damit ich mein Selbst, also mich, künftig wieder wichtig nahm. Mich auf Dinge fokussierte, die mich aus meiner Lebenskrise herausholen sollten. Doch ich konnte mich diesen Aufgaben nicht stellen. Es war nicht das, was ich brauchte. Ich brauchte Antworten. Und begann, das gemeinsame Leben mit meinem Mann, der vor mehr als vier Jahren den Freitod wählte, und mir aufzurollen. Von hinten nach vorne sozusagen. Das letzte Puzzlestück, das mir fehlte und das dann der Einstieg in unsere Geschichte wurde, war das Gespräch mit meiner Hausärztin. Sie hatte die Totenscheine für die beiden Männer ausgestellt. Ja, mein Mann war nicht allein gegangen.

Endlich konnte ich meine kreisenden Gedanken in eine neue Richtung lenken, mich von ihnen befreien. Und Platz machen für neue Gedanken. Ein Jahr lang arbeitete ich an mir, an meinem Projekt, das immer mehr Buchgestalt annahm. Meine Art der Traumatherapie. Nur unsere Kinder und eine befreundete Psychologin wussten davon. Dann besuchte ich einen Schreibworkshop und las dort zum ersten Mal aus meinem Manuskript. Mir fremde Menschen hatten einige Wochen zuvor bereits einige Seiten davon erhalten. Jeder von uns Teilnehmern hatte von den jeweils anderen deren Texte zur Vorbereitung auf den Workshop bekommen. Somit wussten wir ein wenig voneinander. Keiner gab so viel preis von sich wie ich damals. Und sie gingen sehr behutsam mit diesem Text und mit mir um. Die Lektorin, die uns beim Workshop begleitete, bekam später mein gesamtes Manuskript zum Lesen und begleitete mich bis zum druckreifen Endtext.

Vor der Freigabe gab ich den Text meinem Schwager, dem Bruder meines Mannes, zu lesen. Ich brauchte einen ehrlichen Kritiker. Jemanden, der meinen Mann gut gekannt hatte und der mir sagen konnte, ob es der Familie zumutbar war, mit dieser Geschichte an die Öffentlichkeit zu gehen. Er meinte: Ja! Ich verwendete dennoch ein Pseudonym und fragte bei zwei Verlagen an. Erhielt eine Absage und ein Angebot. Entschieden habe ich mich für den Druck im Selbstverlag bei Book on Demand. Ich bestellte etwa 40 Exemplare, die ich besonderen, mir wichtigen Menschen schenkte. Menschen, die unter anderem unsere Wegbegleiter waren.

Hätten meine großen Kinder ihr Einverständnis nicht gegeben, wäre das Manuskript in der Schublade geblieben. Ihr kleiner Bruder hat das Buch bisher nicht gelesen. Die Zeit ist noch nicht reif und er noch zu jung dafür. Das Feedback war so unterschiedlich wie die Leser es waren. Und das Lesen hat etwas in ihnen ausgelöst. Darum schreibe ich.

Habt Dank für Eure Wertschätzung des Lesens. Und danke für Eure Geschichten, die ich hier lesen darf!

© Elis-Katha