Komm mit, ich zeig dir was

Nachmittags trafen wir uns am großen Gemeinschaftsspielplatz zwischen zwei Wohnblocks. Ich war damals eins der jüngeren Kinder, knapp sechs Jahre alt, die sich mit fast doppelt so alten Jungen und Mädchen tummelten. Die noch älteren gaben sich mit uns „Babys“ nicht mehr ab. Tauchten erst am frühen Abend auf, wenn die Mütter die jüngeren Kinder bereits wieder ins Haus riefen. Dann wurden heimlich Zigaretten geraucht, deren Stummel wir am nächsten Tag beim Kuchenbacken im Sand fanden.

Im vorderen Wohnblock gab es im Parterre einen alten Mann, der uns manchmal vor sein Fenster lockte. Wir bekamen von ihm Süßigkeiten und Knabbereien. Meist lief die gesamte Kinderhorde hin, wenn sein Fenster aufging. Ein Geschrei war das immer. Doch er grinste. Wurde das Fenster wieder geschlossen, liefen wir auf den Gemeinschaftsspielplatz, um die Ausbeute aufzuteilen. Alle bekamen etwas ab. Einmal war eine Packung Kekse dabei. Irgend jemand schrie plötzlich: "Sofort wieder ausspucken! Die Packung ist längst abgelaufen.“ Voller Angst und Panik spuckten wir aus, was in unseren Mündern noch übrig war und sahen zu, wie die restliche Packung in die Mülltonne wanderte.

Georg, der Junge der Hausmeisterin, kam meist mit wild zerstrubbelten Haaren, lässig schlendernd auf den Spielplatz, beide Hände in seinen Hosentaschen. Die anderen Kinder scharten sich gerne um ihn, weil er laut und frech war, was ihnen mutig erschien. Und er hatte immer Ideen, was gespielt oder angezettelt werden konnte. Auch ich zählte zu seinen Bewunderern, himmelte ihn an und glaubte alles, was er uns voller Überzeugung täglich erzählte. Von Sendungen, die er im Fernsehen sah und von Gesprächen der Erwachsenen, die er heimlich mithörte.

Eines Tages, ich saß grade auf der Schaukel, kam Georg zu mir. Er nahm mich bei der Hand, wollte mir etwas Geheimes zeigen. Und ich ging mit. Er führte mich am letzten Wohnblock vorbei, um den Parkplatz herum, bis wir vor einem Zaun standen. Dahinter gab es eine Baufirma, auf deren Grundstück riesige Betonrohre lagerten und diverses Baumaterial auf Paletten gestapelt war. Georg zeigte mir das Loch im Zaun. Machte mir vor, wie ich mich durchschlängeln sollte und zog mich nach. Zwischen zwei der riesigen grauen Rohre. Dort ließ er seine Hosen runter. Und verlangte von mir das gleiche. Er legte seine Hände auf meine Schultern, zog mich ganz dicht heran, bis wir Bauch an Bauch standen. Es war ganz warm, mit ihm so nah zusammen zu stehen. Georg meinte: „Und jetzt machen wir ein Kind.“ Ich blieb ganz ruhig stehen, während Georg sehr eigenartig zu atmen anfing. Die Handlung dauerte nicht sehr lange und Georg zog seine Hose bald wieder hoch. Wir gingen zurück.

Ab diesem Nachmittag beachtete er mich nicht mehr, ignorierte mich. Und ich traute mich nicht, ihn zu fragen.

Ich sah ihn nie mehr wieder, weil wir bald danach weggezogen sind.

© Elis-Katha