Leben für die Toten

Lang dauert es nicht mehr. Meine Arbeit als Friedhofsportier endet heuer im November. Nach fast 30 Jahren. Ich war immer sehr zufrieden damit. Mag die Ruhe am Friedhof. Bin an der frischen Luft. Habe mit Menschen zu tun. Schicksalen und Lebensgeschichten, sodass ich schon mehrmals daran dachte, diese in Büchern zu sammeln. Vielleicht schreibe ich sie nieder. In der Rente.

Hier bin ich morgens der erste beim Aufschließen. Und abends der letzte, denn das Eingangstor wird über Nacht wieder verschlossen. Ich kenne jedes der Gräber, die Namen der Toten. Weiß von vielen ihre Lebens- und Sterbegeschichte. Bei manchen kommen mir die Gedanken dazu ganz von selbst.

Sucht jemand ein Grab, braucht er mir nur die verstorbene Person nennen. Sofort kann ich ihm sagen, diese Ruhestätte mit dem schmiedeeisernen Kreuz finden sie links in der vierten Reihe hinter der Allee. Nur als Beispiel.

Ich halte die Kieswege sauber, sammle im Herbst das Laub ein, gieße Grabpflanzen. Pflege Gräber von einsamen Toten, die keiner mehr besucht. Bei Bedarf finden Angehörige Trost in Gesprächen. Braucht der Totengräber meine Hilfe, bin ich zur Stelle. Weil ich viel Zeit zum Beobachten habe, fällt mir einiges auf.

Wie diese junge blonde Frau, die seit mehreren Samstagnachmittagen kommt. Sie hat ein sehr hübsches Gesicht, in dem sich die Sommersprossen von der Nase aus nach links und rechts verteilen. Beim Grüßen blicken mich ihre blauen Augen immer direkt an. Mit einer Tiefe, die mich ein wenig melancholisch stimmt. Ihre Schritte führen sie an das Grab unter der alten Trauerweide. Zweite Reihe. Ein schwarzer Marmorblock mit goldener Schrift ziert dort die letzte Ruhestätte eines sehr erfolgreichen Unternehmers.

An dieses Begräbnis erinnere ich mich noch gut. Nicht nur, weil unzählige Leute und die Presse dabei waren. Vor allem hatte die Familie dieses Mannes einen seltsamen Eindruck hinterlassen. Allein beim Gedanken daran fröstelt es mich. Diese Kälte empfand ich damals schon, als dessen Witwe mit den Kindern ihren Auftritt hatte. Stark geschminkt. Knallroter Lippenstift. So schritt sie mit hocherhobenem Kopf hinter den Sargträgern her. Fast wiegend, kam es mir vor. Ein Friedhof ist doch bitte kein Laufsteg! Ich hatte den Eindruck, dass sie nicht still Abschied nehmen, sondern gesehen werden wollte. In ihren Augen keine Spur von Trauer oder ein kleines Zeichen von Bedauern über den Verlust erkennbar. Und die beiden Kinder erst. Teenager, die der Zeremonie mehr als gelangweilt folgten. Ebenso wenig betrübt wie die Mutter vor ihnen. Seit dem Begräbnis vor knapp zwei Jahren war von dieser Familie keiner mehr hier zu sehen. Alle „heiligen Zeiten“, wie man so schön sagt, wird von einem Gärtner ein Kranz abgelegt.

Deshalb ist es ja auch ungewöhnlich, dass plötzlich diese blonde Frau regelmäßig auftaucht. Sie habe ich beim Begräbnis damals nicht gesehen. Da bin ich sicher. Ich werde sie einfach mal fragen. Oder?

© Elis-Katha