Die Sonne schied.

Noch ehe es Abend wurde.

"Mein Bruder war kein Trottel!" "Nein! Das war er nicht." Ich habe mich zu seiner Schwester auf die Bank gesetzt. Um sie zu umarmen. Ihr etwas Halt zu geben. In diesem Moment gibt es keinen Trost, der dem unbegreiflichen Geschehen gerecht wird.

An diesem Tag bin auf dem Weg zur Arbeit. In das nahegelegene Büro. Zu Fuß. Meine Mittagspause ist um. Und ich gehe eben am Haus des Vaters meiner Nachbarin vorbei, als er mir zuruft: "Unser Bub ist von der Brücke gesprungen!"

"WAS? Was sagst du da?" Ich betrete seinen Garten. Stehe zittrig vor ihm. Kann nicht glauben, was er erzählt. "Vorhin ist es passiert. Aus Liebeskummer. Von der Autobahnbrücke. Tot!" Ich bin fassungslos, ringe nach Worten.

Das Ausmaß dieser Tragödie erfahre ich erst später. Der Junge schrieb seinen Eltern noch eine Nachricht. Davon. Was er vorhatte. Sein Vater, der damals im Polizeidienst tätig war, raste im Wagen über die Autobahn. Er kam zu spät.

Ich bin kaum imstande, meine Arbeit im Büro zu bewältigen. Sehe den Jungen vor mir, ein paar Jahre nur älter als meine Erstgeborene. Und nun ist er nicht mehr? Wie sage ich es meinen Kindern?

Ich höre heute früher auf. Gehe wieder zu den Nachbarn rüber. Die Mama ist jetzt da. Völlig zerbrochen. Innerlich. Sie sieht mich an. Durch mich hindurch. Ich nehme ihre Hände. "Mein Gott! Es tut mir so leid." Wir sitzen nebeneinander auf der Hollywood-Schaukel ihres Vaters. Um den Schmerz ohne Worte, aber unzähligen Tränen, zu teilen. So gut ich es vermag. Mitzufühlen. Als Freundin. Vor allem als Mutter.

Seit Jahren wohnen wir fast Seite an Seite. Nur eine Durchfahrtsstraße trennt unsere Gärten. Die Kinder sehen sich praktisch täglich. Unsere Töchter gehen vier Jahre lang in dieselbe Klasse der Volksschule.

Er war ein immer freundliches Kind. Eher zart. Vielleicht schlaksig. So könnte man sagen. Ob er mögliche Unsicherheiten mit seinem Lächeln überspielt hat? Ich weiß es nicht. Keiner weiß es. Wenn so etwas passiert.

Alle, die wir glauben, denjenigen zu kennen, gekannt zu haben. Wissen nichts von seinem Grunde. Innen drin. Seinem Abgrund. Leider gibt es immer welche, die dann von "Trotteln" sprechen. Wie können "diese Trottel" das tun? Den anderen das antun? So einen Blödsinn machen?

Sie meinen es sicher nicht böse. Sind nur selbst hilfslos dem Umstand ausgeliefert. Dem Umstand des Endgültigen.

Doch wie ich schon zu seiner Schwester sagte: "Er war kein Trottel!"

Er war nur zu früh gegangen. Die Sonne schied. Noch ehe es Abend wurde.

© Elis-Katha