Nur Freunde

Eine Bekannte lebt in Scheidung. Braucht einen Freund zum Reden. Eine Schulter zum Anlehnen. Mein Mann trifft sich mit ihr. Kein Problem. Die Freundschaft der beiden besteht schon ewig.

Viele Abende verbringt er bei ihr. Erzählt mir, sie im Café zu treffen. Damit ich mir "nichts" denke. Mein Ehemann sorgt sich. Die gute Freundin trinkt zu viel.

Ihr Mann macht ihr die Trennung schwer. Mir war er nie sympathisch. Oft hat er seine Frau bloß gestellt. Verbal. Sehr verletzend. Zum Kotzen.

Einmal stritt ich mit ihm. LAUT. Ertrug es nicht mehr, dass er sie vor mir demütigt. Es ist mir ein Rätsel. Sie war immer so tough. Hatte vor Geburt der Kinder einen tollen Job. Gut verdient. Jetzt zwingt ihr Mann sie wegen jedem Euro in die Knie.

Doch auch, wenn er sie vor den Kindern mit Worten attackiert, redet sie nie schlecht über ihn. Als Pubertierende schlagen sie den gleichen herablassenden Ton ihrer Mutter gegenüber an. Wie sie es vom Vater immer hörten. Das tut ihr wirklich weh.

Ihr Ex leistet sich Urlaube mit der neuen Freundin. Für seine Kinder. Kein Geld. Keine Zeit. Unsere Bekannte hält sich und die Kinder mit mehreren Jobs über Wasser. Gibt jedem Gerichtsstreit nach. Kann nicht loslassen. Bleibt weiter abhängig von ihm. Und er entwürdigt sie weiter. Dafür weint sie sich an der Schulter meines Mannes über die Gemeinheiten ihres Mannes aus.

Ich tue mir schwer. Mit Menschen, denen man das Unglück körperlich schon ansieht. Sie zwar jammern. Sich jedoch nicht vom Fleck rühren. Alles Gesagte verpufft. Es tut weh, zuzusehen. Zieht mich mit runter. Dann brauche ich Distanz. Irgendwie muss sowieso jeder alleine durch. Durch sein Leben.

Früher Vormittag. In der Arbeit. Mein Handy läutet.

"Hey. Ich hoffe, du bist nicht sauer wegen gestern!"

"Wieso sollte ich?"

"Ich mein ja nur. Weil doch dein Mann bei mir war. Und es so lange gedauert hat."

"Nein, er hat mir schon gesagt, dass er bei dir war."

"Ich wollte nur, dass du nicht denkst, dass da irgendwas läuft."

"Wieso sollte ich? Deswegen rufst du mich während der Arbeit an?"

Gespräch beendet. Und ich jetzt doch sauer. Weshalb ruft sie an? Als Entschuldigung für meinen Ehemann? Ich werde nun stutzig.

Mein Mann hatte mir davon erzählt. Drückte zwar etwas herum. Aber ja. Er tröstete sie. Hat ihr den Rücken gestreichelt, als sie ihren Kopf auf seine Schulter legte. Ein freundschaftliches Bussi gab es. Mehr sei nicht passiert. Gut! Aber bitte verschone mich künftig mit weiteren Geschichten.

Jahre später treffe ich unsere Bekannte im Café. Lange schon geschieden. Nach wie vor Stress mit ihrem Ex. Doch sie will, dass ich weiß, dass zwischen meinem Ehemann und ihr nie etwas passiert sei. Sie kein Verhältnis hatten, er immer nur ein sehr guter Freund für sie war. Einer von wenigen, die während der Scheidung zu ihr gehalten haben und das würde sie nie vergessen. Und er hätte immer sehr liebevoll von mir gesprochen.

Wir umarmen einander, weinen gemeinsam um meinen verstorbenen Ehemann, der uns beiden fehlt. Jeder auf ihre Art.

© Elis-Katha