Sprechtechnik mit Erich

Schwarz gekleidet, ein Glas Wasser neben sich auf dem Tisch. Erich empfängt uns zu seinem Kurs. Zeichnet einen Sitzplan, mit unseren Namen. Und meint, bis zum Ende der Woche jeden von uns bestimmt zu kennen. Als einziger Trainer fragt er immer, ob alle anwesend sind.

Trockene Erklärungen, wie die Zunge zu rollen ist, Buchstaben belautet und Endsilben angedeutet werden, Schleifungen zwischen zwei Worten klingen. Kann nur Erich so gekonnt und elegant beschreiben. Für mich hört es sich an wie ein vorgetragenes Gedicht oder Theaterstück. Manchmal unterhält er uns mit charmanten Witzen oder Anekdoten aus seinem Leben.

Bis zu diesem Kurs hatte ich noch nie von Orthoepie, der Lehre der deutschen Hochlautung und den „Siebs’schen Regeln“ gehört. Je mehr Einheiten wir mit Erich hinter uns bringen, desto mehr verunsichert mich das Vorlesen. Als würde ich viele Worte falsch aussprechen, denn nach den Regeln von Siebs werden diese ganz anders betont. Dennoch melde ich mich freiwillig. Bzw. nennt Stefan neben mir immer meinen Namen, wenn Erich fragt, wer denn die Strophe eines Gedichts aus dem Übungsbuch vorlesen will. Ich habe halt die Lyrik so gern.

Und Erich vollendet die Gedichte. Trägt sie uns mit allen Strophen vor. Ich bin hingerissen. Manchmal, während wir im Chor Übungswörter sprechen, sehe ich auf. Beobachte Erich. Und er berührt mich so, dass sich meine Augen mit Tränen füllen, weil er jedem Wort mit seiner charismatischen Stimme Leben und Seele gibt. Die Worte lebendig macht. Seine Arme und Hände bewegen sich beim Sprechen mit. Die Mimik im Gesicht formt sich entsprechend der Bedeutung der Worte. Für mich ist es anmutige Poesie, die er uns mit seiner unglaublich schönen Stimme vorträgt.

Keine Kursstunde mit Erich würde ich ausfallen lassen, obwohl seine Unterrichtseinheiten immer abends stattfinden. Oft bis halb neun dauern und wir wirklich müde und erschöpft sind. Das Schöne ist, mit der Zeit erhöre und erspüre ich, wie meine Kurskollegen die Poesie der Worte annehmen und ihnen Melodie geben, jeder auf seine persönliche Weise.

Einige haben gegen Ende der Woche die Idee, dass wir mal alle die Plätze tauschen. Um zu testen, ob Erich uns wirklich schon so gut kennt. Doch weil wir ihn sehr lieb gewonnen haben und nicht verwirren wollen, tun wir es dann doch nicht. Wir haben auch so genug Spaß während seines Unterrichts.

Etwas entsetzt bin ich, als Erich erzählt, dass wir Österreicher etwa nur ein Viertel an Worten im Gegensatz zum Wortschatz der Deutschen verwenden. Wie gibt es denn sowas? Bei den vielen wunderbaren Wörtern, die uns zur Verfügung stehen, frage ich mich.

Erich tut mir später einen großen Gefallen, weil er bereit ist, mir ein Zitat für einen meiner Radiobeiträge einzusprechen. Ich komme mit Text und Aufnahmegerät zu ihm. Und er spricht mir den Text in drei Varianten ein, wobei die zornige Variante mein Favorit ist und genau das, was ich für meinen Beitrag später brauche. Aber das ist eine andere Geschichte.

© Elis-Katha