Tante Li traut sich

Nun kommt ein bisschen was schleimiges. Aber das ist deshalb so, weil die Valentina Schnecken sehr gern hat. Man könnte sagen, das sind ihre Lieblingstiere. Zumindest waren sie das so lange, bis Valentina später reiten lernte und nun Pferde sehr gern hat.

Jedenfalls feierte die Familie den Geburtstag von Valentina’s Mama. Der wievielte es war, weiß ich nicht mehr genau. Ist ja nicht wichtig. Tante Li war auch eingeladen und kam mit ihrem Sohn vorbei.

Den Mädchen war es bei den Erwachsenen oben auf der Terrasse langweilig geworden. Und so gingen Valentina und ihre Cousine runter auf die Wiese, um Schnecken zu suchen. Damit es die Tiere später gemütlich hatten, bat Valentina ihre Mama noch um eine kleine Schachtel. In diese legten die beiden Mädchen erst mal etwas Moos und einige Blätter und Grashalme. Du weißt sicher, dass es Schnecken gibt, die ihre eigenen kleinen Häuschen mittragen und es dort drinnen sicher gemütlich haben. Valentina mochte aber besonders die nackten Schnecken ohne Häuser so gerne. Die heißen auch wirklich Nacktschnecken. Irgendwann früher hatte diese Art Schnecken mal ein Gehäuse, aber in ihrer Entwicklung hat sich dieses ‚reduziert‘. Das heißt verkleinert, ist weniger geworden bis ganz weg. Es war praktisch, um sich vor Schneckenfressern zu verstecken oder um nicht auszutrocknen.

Schnecken ohne Haus sind auch sehr beweglich und schnell. Mir fällt das auf, wenn es nach einem Regen in meinem Garten vor Schnecken nur so wimmelt. Da sehe ich dann, wie flott sie von einem Blatt zum anderen kriechen können. Und auch, dass sie viel Hunger haben. Komisch, dabei sagt man immer: „Langsam wie eine Schnecke sein.“

Nun, Valentina sammelte mit ihrer Cousine diese Nacktschnecken ein. Als sie einige in der Schachtel hatten, kamen die Mädchen auf die Terrasse, um sie stolz den Erwachsenen zu zeigen. Valentina hatte leuchtende Augen vor lauter Freude. Die Augen der Erwachsenen leuchteten nicht so sehr. Vor allem, weil Valentina eine Schnecke in ihrer Hand hielt. Und diese Hand ihnen ziemlich nahe vor’s Gesicht. Deshalb sahen die großen Leute etwas erschrocken oder angeekelt aus. Und keiner wollte die Schnecke auf die Hand nehmen. Eine ihrer Omas sagte zu Valentina: „Nein! Tu sie bitte weg. Du weißt doch, wie mir davor graust.“

Valentina fragte auch ihre Tante Li, ob sie vielleicht mal die Schnecke halten wolle. Ehrlich, der Tante Li grauste ebenfalls. Aber weil so viele der Großen schon abgelehnt hatten, überwand Tante Li ihren Ekel und ließ sich von Valentina die Schnecke geben. „Ähh! Grr!“ Und auf Tante Li’s Hand kroch nun eine schleimige schwarze Nacktschnecke. Valentina strahlte über ihr ganzes Gesicht und das wiederum freute Tante Li.

Und auch, dass sie sich getraut hatte. Denn es war das erste Mal in ihrem Leben, dass sie eine Schnecke in ihrer Hand hielt, also eine nackte Schnecke. Weil Häuserschnecken kann man ja ganz gut an ihren Häusern hochheben. Da bleibt nix kleben oder schleimt.

© Elis-Katha