Überlebensmüde - Teil 1

Verzweifelt schlug sie gemeinsame Bücher auf, blätterte Seiten durch. Eines nach dem anderen zog sie aus dem Regal. Keine Erklärung. Nichts. Um sie herum lagen bereits mehrere Dutzend Bücher verstreut am Bett und zum Teil aufgeschlagen auf dem Holzfußboden. Etwas unüblich vielleicht, Bücherregale im Schlafzimmer anzubringen. Aber bei ihnen war ihnen einiges nicht so üblich wie bei anderen Paaren. Sie wurde nun hektischer, hielt die Bücher am Buchrücken verkehrt nach unten und schüttelte sie heftig. Hoffte, dass aus einem seine Nachricht fiel. Es musste eine zu finden sein! Er konnte nicht gegangen sein, ohne ihr ein paar Zeilen zu hinterlassen. Zeilen, die ihr allein galten, nur für sie bestimmt waren. War sie doch sein bester Kamerad gewesen. Und eine große Liebe. Nicht die erste, aber dennoch eine große.

Zumindest hatte er das immer behauptet. Auch wenn er sie schlug. Dämonen plagten ihn. Deshalb verzieh sie ihm, wenn ihm ab und an die Hand ausrutschte. In gewalttätigen Momenten war er nicht er selbst. Und sie ließ es ja geschehen. Mit sich. Und somit zwischen ihnen. Sie wehrte sich nicht. Weil es sie jedes Mal aufs Neue überraschte, dass es passierte. Entweder wurde danach tagelang geschwiegen oder er entschuldigte sich unter Tränen bei ihr, so dass sie es war, die ihn trösten musste. Danach ging ihr beider Leben wie gewohnt weiter, normal eben. Als wäre nichts passiert.

Natürlich konnte sie niemandem erzählen, was zwischen ihnen vorfiel. Das war ihr und sein Geheimnis. Denn dann hätte sie die Dämonen erwähnen müssen, die er ihr genau beschrieb. In seinem Kopf waren sie und machten ihnen beiden Angst. Er tat ihr leid. Weil sie sah, wie er darunter litt. Unter seinem Leben litt, von dem er sagte, dass es ihn unentwegt büßen ließ. »Herr! Warum prüfst du mich so?«, schrie er das Kruzifix manchmal an. Sie erlebte hautnah mit, wie es ihn veränderte. Ihr genügte, von diesen Gedanken aus seinem Mund zu erfahren.

Außerdem hütete sie als seine Vertraute, was er ihr anvertraute. Sie durfte alles wissen, musste alles wissen. Als seine Frau! So sagte er. Manchmal fühlte sie sich fast schuldig; als wäre sie seine Mittäterin. In ihr gab es viele Schubladen, in denen tief drinnen Wissen aufbewahrt wurde. Sie zog die Schubladen nie mehr heraus, doch machte ihr die Schwere des Inhalts zu schaffen. Gefüllt mit Ereignissen, von denen sie lieber nie gehört hätte. Oder seiner seltsamen Weltanschauung; vor allem aber seiner Sehnsucht, diese Welt bald zu verlassen. Sie glaubte lange daran, dass ihre Liebe reichen würde, um ihn mitzutragen, durch ihr gemeinsames Leben.

Er selbst sprach immer davon, dass sie die einzige sei, die ihn verstehen, ihn besser als sonst jemand kennen würde. Dabei wurde er ihr mehr und mehr fremd. Das verunsicherte sie. Wie konnte es geschehen, dass, obwohl sie seit einem Vierteljahrhundert miteinander lebten; wie konnte es sein, dass er ihr so fremd geworden war? Sie hatte manches Mal auch Angst. Vor ihm.

© Elis-Katha