Überlebensmüde - Teil 2

Er zog sie mit seinen düsteren Gedanken in seine dunkle Welt hinein. Es war lange her, dass sie ihn herzhaft lachen gehört hatte. Wenn er jetzt noch lachte, klang es unecht und gequält. So, wie er sich durch sein Leben quälte. Jeden Tag. Bat sie ihn, professionelle Hilfe anzunehmen, war er beleidigt. Das würde nichts bringen. Denn die wussten doch nichts! Konnten ihm nicht helfen, weil nur er selber wusste. Und keinesfalls wollte er in der Irrenanstalt landen. Das und verrückt zu werden, war eine seiner größten Ängste. Deshalb mutete er allein ihr seine Wahrheiten zu.

Die letzte oder vielmehr seine einzige Wahrheit war jene, auf dieser Welt nichts verloren zu haben, überflüssig zu sein. Als Mensch. In seinen Augen war die Menschheit längst degeneriert. Die Masse dieser Spezies abgestumpft, denkfaul und denkunfähig. Träge geworden, weil von der Gesellschaft träge gemacht. Gewollt gemacht.

Dies ließ ihn innerlich brodeln. Er versuchte, Mit- und Nebenmenschen in seinem Umfeld zum selber Denken anzuregen. Dabei konnte er sehr provozierend sein, denn er wollte, dass die Menschen aufmerksamer wurden, sich zu Beobachtern entwickelten. Von vielen wurde er ausgelacht, nicht ernst genommen. Einen Alkoholiker nimmt man generell nicht ernst. Und weil er oft so laut war, denn das musste er sein, damit sie endlich hörten; doch je lauter er war, umso mehr hörten sie weg, wollten sie ihn zum Schweigen bringen. Es war ihnen unangenehm. Er war ihnen unangenehm.

Sie glaubte ihm. Wollte ihm glauben. Denn in vielem hatte er wohl recht. Nicht alle seine Ansichten klangen verrückt. Seine Intelligenz und sein global umfassendes schnelles Denken machten es nicht einfach, ihn zu verstehen. Auch sie japste hinterher. Konnte die großen Zusammenhänge noch nicht erkennen. Brauchte Zeit, um seine Informationen zu erfassen und zu verarbeiten. Das ermüdete sie und ihn machte es ganz ungeduldig. Doch noch war sie im Strudel des alltäglichen Lebens gefangen, dem er sich immer weniger aussetzte. So drifteten sie auseinander. Es kostete einen Großteil ihrer Energie, um selbst die Kraft für das Leben nicht zu verlieren. Um überdies zu sehen, zu spüren, wie schön die Schlichtheit, wie besonders das Leben an sich war. Seine Negativität legte sich wie ein schwerer Mantel um ihre Schultern. Oft zu schwer, um aufrecht und überhaupt weiter durch das Leben zu gehen.

Nach außen hin hatte sie sich dazu selbst noch eine Maske zugelegt. Die Maske der Distanz. Denn ihr schien, als wollten die Menschen einander lieber oberflächlich begegnen. Keiner fragte jemals genauer nach, drang tiefer. So wurde es für sie zur Gewohnheit, ihre freundliche Maske zu tragen und auf Nachfragen, wie „Und, wie geht‘s?“ mit „Passt schon, danke.“ zu antworten.

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© Elis-Katha