Überlebensmüde - Teil 3

Beim Heimkommen fiel ihr die Maske vom Gesicht, sein Mantel ließ sich kaum noch abstreifen. Wenn er selber nach ihr zuhause ankam, stieß er beim Öffnen der Wohnzimmertür, sein Fuß war noch kaum über der Schwelle, seinen Frust in einem lauten fast gewürgten Seufzer, der nach »UÄÄÄH« klang, aus. Als wolle er ihr die elenden vergangenen 24 Stunden vor die Füße kotzen. Tagelang, wochenlang, monatelang ging das so. Eines Abends schickte sie ihn wieder hinaus. Sie bat ihn, er solle doch mit einem freundlichen Wort durch die Türe hereinkommen. Wenigstens einmal. Er war irritiert und das brachte ihn vorübergehend aus seiner schlechten Verfassung. Leider kam er nicht nochmals durch die Tür, um positiv zu sein. Nur kurz hatte sie seine Negativität abblocken können.

Sie hielt weiter aus, weil sie nicht anders konnte. War es Stärke oder Schwäche? Jedenfalls wurde sie hart. Hart gegen sich selbst und hart gegen ihn. Das warf er ihr wiederum vor. Dass sie so kalt geworden sei, ihm gegenüber. Doch anders war es ihr nicht mehr möglich, weiter mit ihm zu leben. Sie brauchte die Härte auch als Schutz für sich selbst. Sie fühlte sich nicht mehr wohl in ihrer Haut. Hatte Angst, ihre Weichheit völlig zu verlieren. War sie jedoch auf dem Weg zurück in diese, zurück auf dem Weg zu ihm, war sie viel angreifbarer, verletzlicher und fühlte sich ihm ausgeliefert. Sie begann ihr Sein als Frau zu hassen. Sie konnte ihnen beiden nicht helfen, hatte dies erkannt und blieb dennoch. Nahm an, was kam.

Er fand irgendwann den Mut, ihr seine letzte Wahrheit zuzumuten. Es war kaum noch Platz in ihren Schubladen für dieses Geheimnis, welches keines blieb. Gar nicht bleiben konnte. Die Menschen im Ort erfuhren vom Geschehen. Bewusst fortgegangen war er, aus dieser Welt. Nun drang etwas durch die Oberfläche der Menschen. Viele von ihnen waren bereit, sie durch diese Schwere zu begleiten. Jetzt waren sie da. Und es tat ihr gut.

Sie brauchte Zeit und eine Therapie, das Leben ohne ihn in den Griff zu bekommen. Das Trauern dauerte. Obwohl er in seinem Verhalten als Partner oft schwierig gewesen war, hatte sie seine Seele immer liebenswert gefunden. Wenn Menschen sich auch charakterlich verändern, so bleiben doch ihre Seelen in Beziehung. Das macht es manchmal schwer, in Liebe loszulassen.

Nach seinem Tod hatte sie hart gerungen, sich ihrem Selbst gestellt und endlich wieder selber wahrgenommen. Das Hineinhorchen ins Ich war eine aufregende Reise. Ihr Bauchgefühl fing an, sich gegen Verstand und Ego zu behaupten. Entscheidungen wurden nicht mehr in Frage gestellt, nicht erst überlegt. Sie konnte sich wieder auf ihre Intuition verlassen, sicher sein. Glaubte sie.

Es gelang es ihr, nach und nach loszulassen, neu anzufangen und die Welt, das Leben wieder zu entdecken und dieses Leben zu lieben. Eine tiefe innere Zufriedenheit balancierte sie aus.

© Elis-Katha