Lektion gelernt!

München, Oktober 1979

Ein herrlicher Tag. Sonne pur.

Bestens gelaunt brauste ich in meinem roten Fiat die Leopoldstraße entlang. Ich freute mich auf meine Schüler und auf den Unterricht. Jetzt noch einen Parkplatz vor der Schule und mein Tag war perfekt. Ich konnte es kaum fassen, eine Lücke direkt vor dem Haupteingang! Super...oder vielleicht doch nicht? Schnell war mir klar, dass mich genau hier die vielen ungnädigen Augen der Schüler verfolgten, die nur darauf lauerten, dass die junge Lehrerin in ihrem roten Auto beim Einparken kläglich versagte. Und ja, die Lücke war klein und mein geliefertes Schauspiel riesengroß. Die anschließenden Bemerkungen, wie "oje, oje!" oder "noch ein paar Fahrstunden und irgendwann klappt's", habe ich souverän lächelnd überhört. "Versüßn's eahna den Tag", sagte einer der Schüler mitleidig und hielt mir ein klebriges Bonbon unter die Nase. Dankend steckte ich es in den Mund, biss aber leider so ungeschickt darauf, dass ein großes Stück meines Backenzahns abbrach. "Au, mein Zahn", jaulte ich entsetzt und hörte noch den Schüler sagen, "I kann aber nix dafür, wenn's jetz an Scheißtag ham".

An diesem 22. Oktober unterrichtete ich 3 Doppelstunden in 3 Klassen. 34 Buben je Klasse. Alter 12 bis 16. Ein hartes Stück Arbeit, mit heftigen Zahnschmerzen die pubertierenden Schüler zu Leistungen anzuspornen. Kein Wunder, dass ich mich in der letzten Stunde wie ein Dompteur im Raubtierkäfig fühlte und inständig den Unterrichtsschluss herbeisehnte. Noch 10 Minuten, dachte ich, als die Tür zaghaft geöffnet wurde. Markus, ein Schüler aus meiner 7b, streckte den Kopf ins Klassenzimmer. "Was gibt's", fragte ich gestresst . "Das ist Robert aus der 7a". Er deutete auf den schmächtigen Jungen neben sich, den ich nicht kannte. "Er hat schon wieder eine Schulaufgabe versaut und traut sich nicht heim. Sie müssen ihm helfen, unbedingt!" "Oh Gott", dachte ich ,"was mach' ich jetzt. Ich will zum Zahnarzt, so schnell wie möglich!" "Geht's auch morgen?", fragte ich und schlug schnell ein Treffen in der 1. Pause vor. Markus schüttelte heftig den Kopf. "Bitte heute...sein Vater!" Ich wurde ungeduldig. "Wir überlegen uns morgen eine Lösung. Okay?" Während Robert wie gelähmt auf den Boden starrte und Markus hilflos mit den Schultern zuckte, sagte ich "Dann bis morgen" und schloss rasch die Tür.

Am nächsten Tag wartete ich in der 1. Pause vergeblich auf die beiden. "War wohl doch nicht so dringend", dachte ich auf dem Weg zum Klassenzimmer.

Auf dem Flur kam mir die Sekretärin aufgeregt entgegen. "War Robert K. ein Schüler von Ihnen?" "Wieso?" "Wir haben gerade erfahren, dass er gestern vom Hertie-Hochhaus gesprungen ist!"

Noch heute, 40 Jahre später, spüre ich den Schock, meine Tränen, meine Schuldgefühle.

Robert hätte dringend Hilfe gebraucht und ich war nicht für ihn da! In den folgenden 40 Jahren war mein größtes Anliegen , den Schülern das zu geben, was Robert nicht bekam:

OHR HERZ HALT ZUVERSICHT FREUDE KRAFT STÄRKE

© Elisabeth Grosch