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#berührung#liebe#lampenfieber

Aufgelöst in Tränen

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Aufgelöst in Tränen | story.one

Jungscharführerin. Das ist ein saublödes Wort. Das hieß aber so, als ich das war. Nicht viel älter, als die Kinder. Fünfzehn vielleicht. Führerin. Oh Gott, wie ich dieses Wort hasse.

Aber wir haben im Mai alle Mütter des Dorfes ins Schloss zu einem Muttertagsfest eingeladen. Feldthurns ist ein Dorf im mittleren Eisacktal, in dem ein Renaissanceschloss seine Zinnen majestätisch in den Himmel steckt. Ehemals Sommersitz der Bischöfe von Brixen und Trient, das Juwel ist das Fürstenzimmer in der obersten Etage, dessen Wände und Decke, eine einzige Intarsie, aus unzähligen Naturhölzern in jahrelanger Handarbeit erschaffen worden sind. Der weitläufige Schlossgarten ist ein beliebter Ort für Konzerte und Feste.

Wir, also eine Handvoll Kinder und ich, haben einen Saal unterhalb bekommen. Wie? Das weiß ich nicht.

Meine Tante hat ihr Leben in der Marienschule Bozen verbracht und als Ordensschwester in der Kindergärtnerinnenschule Kindergartenlehre unterrichtet. Aus ihrem Fundus gab sie mir ein Theaterstück aus der griechischen Götterwelt. So ein Drama! Aphrodite, die Göttin der Schönheit und der Liebe, war von Hades in die Unterwelt entführt worden und Demeter, die Erdmutter, Göttin der Fruchtbarkeit und Ernte und ihre Töchter, mussten sie den Klauen des Räubers entreißen.

Die Zehnjährigen haben ihre Texte und Rollen mit einer solchen Begeisterung einstudiert und vor Aufregung nicht mehr geschlafen vor dem großen Tag im Schloss.

Die langen Gewänder haben wir aus weißen Leintüchern mit Sicherheitsnadeln zusammengeheftet und Tumult gab's im Olymp. Der holzgetäfelte Saal war bis auf den letzten Platz gefüllt, Mamas, Omas und Uromas lauschten dem Spiel und die Mädchen haben gespielt, wie die Göttinnen.

Soll ich es verraten, oder nicht? Ich sag's. Sie HABEN SIE GERETTET!

Demeters Ansprache an die Mütter war ein Hohelied an die Frauen. Der Text war lang und hätte zu Kindern nicht gepasst. So viel Pathos.

In mein Leintuch gehüllt mein Part.

Nachdem ich verstummt war, toste der Beifall. Ein Saal voller Frauen, die auf ihren Stühlen saßen, aufgelöst in Tränen. Sie haben alle geheult. Alle.

Die Kinder sind zu ihren Müttern gelaufen, um sie zu trösten. Sie haben gar nicht verstanden, weshalb sie alle so traurig waren. Wir hatten Aphrodite ja gerettet. Wir hatten den Hades, den Unhold ja ausgetrickst.

Da ging die Tür auf. Mein Vater hatte in der Bäckerei Krapfen besorgt. Nachdem alle mit duftigem Hefetraum versorgt waren, trockneten auch die Tränen. Den Krapfenlieferanten haben die Frauen mit Komplimenten für die Krapfen, das Theater und seine Tochter überhäuft. Mir hat er es erst viel später weitergesagt, der Schlingel.

© Elisabeth Kinigadner 2020-11-21

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