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#beziehung#selbsterkenntnis#befreiung

Der Schmerz der Erkenntnis

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Der Schmerz der Erkenntnis | story.one

Wenn ich heute auf die Frau zurückblicke, die ich einst war, wird mir zuweilen angst und bange. Mit dem Wissen und der inneren Stärke, die mir mein Entwicklungsweg beschert hat, frage ich mich, welch tiefsitzende Wunden und Ängste mich wohl erfüllt haben, dass ich mich so durchs Leben habe schubsen lassen. Sei es in Beziehungen, am Arbeitsplatz, in Familiensystemen und vermeintlichen Freundschaften. Bedingt durch ein nicht vorhandenes Selbstwertgefühl und stets auf der Suche nach Anerkennung und Anbindung habe ich mir so einiges „gefallen lassen.“ Das bedeutet nicht, dass ich die Menschen von damals dafür verurteile. Ganz im Gegenteil. Sie alle haben lediglich meiner stillen Aufforderung entsprochen, mich so zu behandeln. Ich habe sie letztlich dazu eingeladen, ja förmlich danach gebettelt. Mit unsichtbarerer Tinte stand auf meiner Stirn geschrieben: „Tritt meine Gefühle mit Füßen. Sei nicht zimperlich dabei. Verleih deinem verletzten Herzen durch Grausamkeit und Manipulation Ausdruck und spiegle dich im Leid deines Gegenübers.“ Mein eigener Unwert hat mich meilenweit von mir selbst entfernt. Ich habe Teile meiner Seele einfach abgespalten, sie in eine Schachtel gepackt und ins Nirwana geschickt – Absender unbekannt verzogen.

Ein besonders eindrucksvolles Beispiel für dieses perfide Zusammenspiel war meine erste Ehe. Mein Angetrauter war auf den ersten Blick ein Lotto-Sechser. Er war klug, gebildet, humorvoll, galant und obendrein noch äußerst gepflegt und gutaussehend. Ich bin seinem Charme sofort erlegen und wähnte mich in den ersten Monaten unserer Beziehung sprichwörtlich auf Wolke 7. Auch wenn die kleinen Hinweise, die mir mein gesunder Menschenverstand und die kärglichen Überbleibsel meiner Intuition zutrugen, mich hätten vorsichtig sein lassen sollen, war ich schnell vollends abhängig. Wie ein Junkie gierte ich nach seiner Liebe und der Absolution, seinen Vorstellungen von einer „guten Frau“ zu entsprechen. Was habe ich nicht alles gemacht, toleriert und widerstandslos hingenommen. Fortwährend von dem Gefühl begleitet, ohne ihn ein nichts und niemand zu sein. Ich habe mich bis zur vollkommenen Unkenntlichkeit meines Wesens verbogen – so sehr, dass ich mich in den letzten Zügen der gemeinsamen Zeit nur noch im Schmerz, in der Angst und in der Demütigung gespürt habe. Wie gesagt, ich werfe ihm nichts vor. Manchmal schaffe ich es sogar, ihm innerlich dafür zu danken. War er doch einer meiner strengsten Lehrer an der Schule des Lebens.

Auf seine Anordnung hin habe ich vor Jahren eine Therapie begonnen und letzten Endes damit wieder zu mir selbst gefunden. Ich kam Stück für Stück in meine ureigenste Kraft und erkannte, dass ich die Liebe, die ich so schmerzhaft im Außen suchte, nur in mir selbst entdecken konnte. Das Ende unserer Ehe kam schnell, dramatisch und leidvoll. Aber ich habe es überlebt und mich dazu geführt, wie ich im Jetzt bin: selbsttreu, achtsam und unendlich frei.

© Elisabetta_Ardore 2020-10-18

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