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#shutdown#wandel#perspektivenwechsel

Wertewandel wider Willen

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Wertewandel wider Willen | story.one

Es ist mein ganz persönlicher Shutdown. Genau auf den Tag ist es nun ein Monat her, dass ich durch die Weingärten und Felder eines Ortes im Veneto gelaufen bin. Vollkommen entfesselt und glücklich habe ich den Boden in seinen Facetten unter meinen Füßen gespürt, habe die Sonne hinter den Bergen aufgehen sehen und sie freudig willkommen geheißen. Der Tag war noch frisch, die Felder und Weinreben von Tautropfen überzogen und die Luft unendlich klar. So wie mein Kopf. Das Gedankenkarussell stand endlich einmal still – ich fokussierte mich ausschließlich auf meinen Atem, die vorbeiziehenden Eindrücke und das Hier und Jetzt. Schon lange hatte ich dieses Gefühl so sehr vermisst, bin ihm regelrecht nachgejagt und war durch meinen starren Alltag so weit davon entfernt, wie in diesem Moment von all meinen Sorgen und Nöten. Es schien, als könne mich nichts und niemand aufhalten, kein noch so kleiner Selbstzweifel, keine Verstrickung der Vergangenheit, kein selbst oder fremd auferlegter Zwang. Und so lief ich, begrüßte das unsagbare Gefühl der Freiheit mit einem Lächeln und sog die italienische Morgenröte wie ein Schwamm auf. Ich war bereit, die Welt zu erobern und genau das tat ich auch.

Für die nächsten 24 Stunden erschien mir mein Leben perfekt. Ich traf mit wunderbaren Menschen zusammen, trank köstlichen Frizzante schon zu Mittag und kostete mein Dasein in vollen Zügen mit jeder Minute aus. Nach einer kurzen, aber durch den ausgezeichneten Wein guten Nacht, wollte ich dort anschließen, wo ich tags zuvor abgehört habe und startete motiviert meine morgendliche Laufrunde. Schon nach kurzer Zeit machte sich ein unangenehmes Ziehen in der Knöchelgegend bemerkbar, das ich natürlich stoisch ignorierte. Aufgeben ist keine Option – war es noch nie. Also lief ich weiter, bis ich irgendwo im nirgendwo in den italienischen Felder stand und die Schmerzen ein Vorwärtskommen nicht mal mehr in absoluter Schonhaltung ermöglichten. Vollkommen entrüstet über das Versagen meines Körpers im Gegensatz zu meiner mentalen Willenskraft schleppte ich mich irgendwie zum Hotel zurück. Unter der Dusche mischten sich bittere Tränen der Wut mit dem Wasser und verschwanden unbemerkt im Abfluss. Ich war überzeugt davon, dass das nur eine vorübergehende Störung des natürlichen Gefüges ist und spätestens, wenn ich wieder zuhause bin, ausgestanden wäre.

Wie eingangs erwähnt, das ist nun genau einen Monat her. Ich komme nach wie vor die Stufen kaum hinunter, habe einen Cocktail aus Medikamenten, alternativen Heilmitteln und Therapiemethoden intus. Und die Hiobsbotschaft des Tages: es ist erst die halbe „Schonzeit“ durchgestanden. Für mich, die ich über Jahre hinweg täglich und ohne Ausnahme meinen Sport praktizierte, ein Affront sondergleichen. Und jetzt? Jetzt warte ich, jetzt schreibe ich, jetzt entdecke ich mich neu. Zwar nicht freiwillig und vollends wider meines inneren Diktats, aber wie gesagt: Aufgeben ist keine Option.

© Elisabetta_Ardore 2020-09-24

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