Aladin und das große Kamel

Es gibt keine bessere Möglichkeit, in die Kultur eines Landes einzutauchen, als ihre Küche kennen zu lernen. Daher lassen wir wohl kaum einen lokalen Markt auf unseren Reisen aus. Wir sind in Jodhpur, der blauen Stadt in den Bergen Rajasthans. In der Altstadt könnte man sich leicht verlieren, abgelenkt vom intensiven Geruch Indiens. Es umgibt uns ein olfaktorisches Feuerwerk und stellt unser Riechhirn auf eine echte Probe. Aber eben genau so ist Indien, nie mittelmäßig, immer extrem.

Ich spaziere zwischen Säcken voller Curry-Mischungen und Kurkuma, vorbei an Fenchelsamen, Kardamon und Koriander. Versenke meine Hand in einem riesigen Korb voller herrlicher Zimtstangen, die als gleich in meinem Rucksack landen und fülle meinen Vorrat an Sternanis mindestens für die nächsten drei Jahre auf. Unser einfaches Guesthouse besticht nicht durch die Anzahl der Sterne vor seiner Tür, sondern mit seinem grandiosen Blick von der Terrasse über die Stadt. Dort oben gibt es ein paar wenige einfache Tische und Aladin – Koch, Kellner und Zimmermädchen in Personalunion. Ich frage ihn, ob ich ihm beim Kochen zusehen dürfe, um ein bisschen von ihm zu lernen. Aladin strahlt und lädt mich ein, mit zu kommen. Sein Reich ist eine Art vier Meter langer und eineinhalb Meter breiter, fensterloser Schlauch. An der einen Wandseite befindet sich die gemauerte Arbeitsplatte mit allerhand Ingredienzien und ein kleiner Gasofen. An der gegenüberliegenden Wand hängen Töpfe und Kochlöffel. Dazwischen sind dann wir beide. Der schmächtige Aladin, der mein Sohn sein könnte, und die zwar ebenfalls schlanke aber 1 Meter 80 große blonde Frau. Er zaubert diesmal Aloo Gobi, Dal und knuspriges Naan. Bald schon brutzelt Ghee in den Töpfen während er Kartoffel und Blumenkohl vorbereitet. Er hackt Chili, Zwiebel, Tomaten und Knoblauch und mischt Zutaten in Windeseile zusammen. Sein Löffel taucht mal in das Kurkumaglas, mal in das mit Kreuzkümmel und dann wieder fügt er Korianderpulver hinzu. Aladin erklärt mir nichts, er tut einfach nur und schenkt mir immer wieder sein überwältigendes Lächeln. Alles scheint ihm kinderleicht von der Hand zu gehen, und bei dem Gedanken an meine ausufernde Küche zu Hause komme ich mir richtig blöd vor. Aladin braucht nichts von all dem, seine wenigen Werkzeuge, sein zugegeben schmutziger Putzlappen, mit dem er immer wieder seine Arbeitsfläche „sauber hält“, reichen ihm völlig. Mir geht das Herz dabei auf, während ich ihm in seinem Reich über die Schulter blicken darf. Nach nicht viel mehr als 30 Minuten ist der Zauber vorbei. „Ready now, you sit down“, weist er mich an den Tisch. Doch bevor ich das mache, bedanke ich mich noch bei ihm für diese lehrreiche Kochstunde. Aladin strahlt vor Stolz und lächelt zurück. Ich merke, er möchte mir auch etwas Nettes sagen, sucht nach einem Kompliment und wird wohl fündig. Er strahlt mich an und aus wirklich tiefstem Herzen kommt ein „Good time now, and you are tall like a camel“.

© Elke Fürpaß