Auf der Suche nach einem neuen Leben

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Sie heißt Samira, ist 36 Jahre alt und Archäologin. Und sie lebt in Persien. Auf geschichtsträchtigem Boden, in einem reichen Land, mit einer guten Ausbildung. Das wären perfekte Voraussetzungen für ein glückliches Leben. Doch ich blicke in traurige Augen. „We are suffering and die slowly and silently“, sagt Samira. Iran ist ein Land mit extrem junger Bevölkerung und sie alle haben große Wünsche und Visionen für die Zukunft. Angeblich sind nur zehn Prozent der Iraner streng gläubige Muslime. Die rigiden Vorgaben der Mullahs sind ihnen ein Dorn im Auge und zwingen sie zu einem Schattenleben, zu jenem hinter verschlossenen Türen und fernab der Öffentlichkeit. Doch immer bleibt ein gewisses Risiko. Wem kann ich trauen, wem darf ich mein wahres Ich zeigen, wen darf ich in meine Welt hineinlassen, ohne Gefahr zu laufen, mich dabei zu verraten? Ich muss an meinen Geschichtsunterricht denken, an das bizarre Spitzelsystem eines Fürsten von Metternich bis zum Stasi-Paradies der DDR. Stählerne Apparate der Entmündigung, Attacken auf die Würde der Menschen. Viele Frauen protestieren trotzdem, indem sie ihr Kopftuch betont lässig bloß am Hinterkopf tragen oder für ein Selfi ganz abnehmen. Doch die Angst ist groß in diesem Land. Die Revolutionsgarden kennen kein Pardon und niemand möchte in ihre Fänge geraten. Dieses übergeordnete System der Mullahs durchdringt alle Lebensbereiche, bestimmt jegliches Handeln. Die Regierung von Hassan Rohani hat Marionettenstatus, wenn der oberste geistige Führer, Ali Chamenei, das so will. Samira erzählt von einem Freund, der bei friedlichen Protesten von der Polizei an den Augen so schwer verletzt wurde, dass er zumindest eines sicher verlieren wird. Ihr Blick senkt sich nach unten und ich schäme mich fast dafür, weil es mir so gut geht. Auch wusste ich nicht, dass hier im Iran Säureattentate auf Frauen immer noch stattfinden. Überhaupt zeigt sie mir ein Bild dieses Landes, das ich zwar ab und zu erahne, von dem ich aber keine klare Vorstellung habe. Es ist dieser Verlust geistiger Freiheit, der den Menschen so zu schaffen macht. Nicht einfach sagen zu können, was man denkt, was man wünscht und wohin man sich entwickeln möchte.

Samira begleitet uns noch zwei Tage, und dann macht sie sich weiter auf den Weg – „auf die Suche nach einem neuen Leben“, wie sie sagt. Sie möchte ihr Buch mit Geschichten zu Ende schreiben. Vielleicht gibt es jenen nach Deutschland emigrierten iranischen Professor noch, der ihr vor drei Jahren versprochen hat, bei der Veröffentlichung zu helfen. Es sind Frauengeschichten, erzählt sie. Geschichten, denen sie eine Stimme geben möchte. Das Fenster in die freie Welt nach draußen ist für sie leider nur bedingt offen. Doch der Wunsch ist groß, es weit zu öffnen, frei zu atmen, aber es nach Belieben auch wieder zu schließen, um in der eigenen Welt glücklich zu sein. In großer Demut gehe ich heute zu Bett und bedanke mich beim Schicksal für die Freiheit, in der ich leben darf.

© Elke Fürpaß